Deutschland im Teststress: Masse oder Klasse?

Coronavirus

Testen, testen, testen: Das galt zu Beginn der Pandemie als Königsweg im Kampf gegen das Virus. Jetzt warnen Labore vor Überlastung. Gibt es den „richtigen“ Weg bei der Teststrategie?

Hamburg

27.08.2020, 06:40 Uhr / Lesedauer: 5 min
Das Angebot des Unternehmens Centogene richtet sich an Reiserückkehrer aus Risikogebieten und an Passagiere, die ihre Reise von Hamburg aus antreten und ein Zertifikat in ihrem Zielland benötigen.

Das Angebot des Unternehmens Centogene richtet sich an Reiserückkehrer aus Risikogebieten und an Passagiere, die ihre Reise von Hamburg aus antreten und ein Zertifikat in ihrem Zielland benötigen. © picture alliance/dpa

Es musste alles ganz schnell gehen für Philipp Lorenzo dos Santos. Gerade erst hat der 18-jährige Sanitäter sein Freiwilliges Soziales Jahr bei den Maltesern begonnen, eigentlich sollte er jetzt Schüler in Erster Hilfe unterrichten. Stattdessen steht er als Corona-Tester im Schutzanzug im Terminal eins des Hamburger Flughafens. In wie viele Rachen er in den vergangenen Tagen geschaut hat? 50, 100, mehr? „Ehrlich“, sagt er lachend, „ich kann es gar nicht mehr sagen.“ Irgendwann ist jeder Rachen gleich.

Auch für den Mann, in dessen Hals Lorenzo dos Santos gerade den Abstrichspatel geführt hat, kam das eher unvermittelt. Als der Ingenieur Carsten Heins vor zwei Wochen beruflich nach Bukarest flog, galt die Reise als unbedenklich. Inzwischen aber hat das Robert-Koch-Institut (RKI) die Stadt zum Risikogebiet erklärt. Die Testpflicht findet Heins vernünftig. „Aber wie ich gleich meiner Familie begegnen soll, solange ich noch kein Ergebnis habe“, sagt er unsicher, „das weiß ich nicht.“

Das ist nun überhaupt die große Frage bei den massenhaften Corona-Tests: Schaffen sie Sicherheit? Sind sie eine der wirksamsten Waffen im Kampf gegen die Pandemie? Oder überfordern sie uns? Sind sie, wahllos auch auf Menschen ohne Symptome ausgeweitet, eine Vergeudung von Ressourcen, die das Wesentliche, Testung und Schutz von Risikogruppen, behindert?

„Gerade der breite und gezielte Einsatz der PCR-Tests hat bisher maßgeblich zur Eindämmung der Pandemie beigetragen“

Wenn sich an diesem Donnerstag Bundesregierung und Ministerpräsidenten zu einer Konferenz zusammenschalten, dann geht es jedenfalls um eine weitere Wende in der Corona-Politik.

Gerade am Anfang der Pandemie galten möglichst viele Tests als ein Schlüssel zum Erfolg im Kampf gegen Covid-19. Jede entdeckte Infektion, so die Logik, verhindert die stille Weitergabe des Virus. Länder wie Südkorea und Taiwan machten es vor – und Deutschland baute seine Kapazitäten aus. Zählte das RKI Mitte März noch gut 127.000 Tests pro Woche, waren es zuletzt mehr als 875.000.

„Gerade der breite und gezielte Einsatz der PCR-Tests hat bisher maßgeblich zur Eindämmung der Pandemie in Deutschland beigetragen“, sagt der Verband der akkreditierten Labore in der Medizin. Nun jedoch warnt der Verband vor der Überlastung der Labore, Pannen wie in Bayern diskreditieren die Idee der Massentests.

Eine fünftägige Quarantäne, so werden es Bund und Länder diskutieren, könnte nun die gerade erst eingeführten Massentests für Reiserückkehrer ersetzen. Weniger, gezieltere Tests sollen die neue Leitlinie sein. Eine Kapitulation? Oder ein Sieg der Vernunft?


Ein Testzentrum für Freiwillige

Das Testzentrum im ersten Stock des Terminals eins in Hamburg ist so etwas wie das Symbol einer möglichst breiten Teststrategie. Es ist eines von zweien im Flughafen der Hansestadt: Das eine, betrieben von Rotem Kreuz und Gesundheitsbehörde, ist Rückkehrern aus Risikogebieten vorbehalten.

Das andere, im ersten Stock, eröffnet vor einer Woche, ist die Anlaufstelle für alle anderen Rückkehrer, die sich dank erster politischer Großzügigkeit hier ebenfalls kostenlos testen lassen können, und für jeden, der will und den der Test hier 59 Euro kostet. Die rund ein Dutzend jungen Menschen, die hier arbeiten, tragen orangefarbene ­T-Shirts mit „Centogene“-Aufdruck, dem Namen der Firma, die das Zentrum betreibt.

„Das Beste wäre, wenn wir uns alle jeden Morgen einmal testen würden.“

Wer hierherkommt, muss sich auf der digitalen Plattform des Unternehmens registrieren. Handgeschriebene Zettel, an denen die Benachrichtigung der Getesteten in Bayern scheiterte, gibt es hier nicht. Spätestens alle zwei Stunden bringt ein Wagen die Proben zum Universitätsklinikum Eppendorf, auf dessen Gelände Centogene seit April ein eigenes Labor betreibt.

Dort, vor der Tür mit gelben Warnaufklebern und einem noch immer etwas improvisierten Büro mit Obstkisten für die Mitarbeiter, Kartons und Schreibtischen, steht Peter Bauer und erklärt: „Das Beste wäre, wenn wir uns alle jeden Morgen einmal testen würden.“

Bauer, Jeans, Turnschuhe, Sweatshirt, ist Vorstandsmitglied und „Chief Genomic Officer“ des Unternehmens – und eine Provokation für die Branche der etablierten Labormedizin. Centogene, ein Biotechunternehmen aus Rostock, 500 Mitarbeiter, ist eigentlich auf die Diagnose seltener Erkrankungen spezialisiert. Mitte März jedoch beschloss das Unternehmen, sich des Kampfes gegen das neue Virus anzunehmen. Einen PCR-Test auf das neue Coronavirus zu entwickeln, sagt Bauer, habilitierter Humangenetiker, habe er als vergleichsweise einfach empfunden.

Über eine Million Tests in Deutschland pro Woche

Seitdem profiliert sich das Unternehmen mit unkonventionellen Aktionen und einem Sinn für PR als Kämpfer gegen die Pandemie. Centogene testete nicht nur die eigenen Mitarbeiter zweimal in der Woche, sondern in Mecklenburg-Vorpommern auch Schüler, Polizisten, Altenheimbewohner – und kostenlos die Bürger von Rostock, das sich als erste coronafreie Großstadt der Republik feiern durfte.

Jetzt betreibt Centogene das Testzentrum am Flughafen Frankfurt, 22.000 Tests wurden dort bislang genommen, dazu das Zentrum in Hamburg mit bislang 3000 Tests. Die Kapazität der beiden Labore, die das Unternehmen in Start-up-Manier in aller Schnelle aufbaute, liegt Bauers Angaben zufolge bei rund 140.000 in der Woche – bei insgesamt etwas mehr als einer Million Tests pro Woche in ganz Deutschland. Auch Bauer ist klar, dass das nicht reicht, damit sich jeder jeden Morgen testen kann – zumal die PCR-Tests für den Selbstgebrauch ohnehin kaum geeignet sind.

Bauer ist nur vom Prinzip überzeugt: „So viele Tests wie möglich sind das beste Mittel, um Infektionsketten früh aufzudecken und einen zweiten Lockdown zu verhindern.“

Solange es nichts kostet ...

Er hat für diesen Ansatz wichtige Verbündete. Einer ist Markus Söder, Bayerns Ministerpräsident, der in seinem Bundesland ebenfalls anlasslose Massentests eingeführt hat und an diesen festhalten will. Der andere Verbündete ist die öffentliche Meinung: Tests sind bislang das am meisten akzeptierte Mittel im Kampf gegen das Virus. Zumindest solange sie nichts kosten. Spätestens an diesem Punkt jedoch beginnen die Probleme.

Denn der Preis für die sehr genauen, aber aufwendigen PCR-Tests ist zwar gesunken, mit rund 60 Euro fällt er aber immer noch ins Gewicht. Schon bei den verpflichtenden Tests für Rückkehrer war die Finanzierung der strittigste Punkt.

Dazu kommen Argumente gegen die anlasslose Testung. So könnten die mehr als 200 Labore zwar mehr als eine Million Tests pro Woche schaffen – für plötzliche heftige regionale Ausbrüche seien dann aber keine Tests mehr übrig.

Zudem gibt es einen zumindest rechnerischen Effekt, den Kritiker gegen die Massentests anführen: So sind PCR-Tests zwar extrem zuverlässig; werden sie aber massenhaft eingesetzt in Gruppen, in denen das Virus nur wenig verbreitet ist, kann diese kleine Lücke in der sogenannten Spezifität von einem bis 2 Prozent theoretisch dafür sorgen, dass es relativ viele falsch positive Ergebnisse gibt, dass also Gesunde als infiziert ausgewiesen werden.

„Altenpfleger sollten nicht wegen Mallorca-Rückkehrern auf Testergebnisse warten“

Und schließlich hilft es nichts, nur viel zu testen – jemand muss diese Tests auch auswerten. Und es hilft nichts, wenn die Tests von Altenheimbewohnern und anderen Risikopersonen in der Masse untergehen. Es dürfe nicht sein, dass etwa ein Altenpfleger sein Ergebnis erst nach vier Tagen erhält, „weil noch mal 3000 Mallorca-Rückkehrer zeitgleich getestet wurden“, wie der Epidemiologe Gérard Krause sagt. Dazu führen die Laborleiter die Knappheit an Chemikalien und Labormaterial an, weil jetzt viele Länder viel mehr testen – und empfehlen ein Ende der kostenlosen Tests.

Bauer, der Seiteneinsteiger von Centogene, kennt all diese Argumente – und hat erkennbar Freude daran, sie zu entkräften. 95 Prozent aller Getesteten erhielten ihr Ergebnis binnen 24 Stunden, versichert er. Der Streit über falsch positive Ergebnisse ist ihm „zu verkopft“: Bei den 20.000 Tests in seinem Unternehmen habe es vier positive gegeben – die sich alle auch im Nachtest bestätigt hätten. Die Spezifität des Tests „liegt über 99 Prozent“.

Kulturkampf der Labormedizin

Und die Kapazitäten? Da gebe es noch deutlich Luft nach oben. „Wir können unsere Kapazität in kurzer Zeit auf 100.000 Tests am Tag ausweiten“, versichert Bauer, „ohne damit die Ressourcen anderer Labore einzuschränken.“ Das liege daran, dass sie auf ein anderes System setzten. Dass sie sich unabhängig gemacht hätten von den Systemen großer Hersteller, indem sie ein eigenes Verfahren entwickelten.

Vor allem auf Flughäfen haben sich Testzentren mittlerweile etabliert.

Vor allem auf Flughäfen haben sich Testzentren mittlerweile etabliert. © picture alliance/dpa

Bei Centogene nutzen sie gern das Bild von der Backmischung, die man für einen Kuchen verwenden könne – oder von dem Teig, den man selbst anrührt. Sie setzten auf Letzteres. Als Centogene die Abstrichspatel ausgingen, gründeten sie eine Mittelstandsinitiative. Jetzt liefert ihnen ein Hersteller aus Deutschland die Spatel. Die Frage nach den Tests zeugt also auch von einem Kulturkampf auf dem Feld der Labormedizin.

Die Lösung, die viele derzeit favorisieren, wäre ein Antigentest, der ungenauer wäre, aber billig, einfach anzuwenden, der am Ende ein Ergebnis anzeigt wie ein Schwangerschaftstest. Doch diese Tests sind noch in der Entwicklung.

Bis dahin läuft es im Zweifel dann doch auf eine andere Lösung hinaus. Der Ingenieur Heins jedenfalls, der gerade aus Bukarest zurückgekehrt ist, hat da eine klare Vorstellung. „Wenn ich gewusst hätte, dass das ein Risikogebiet ist“, sagt er, „dann wäre ich da niemals hingefahren.“

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