Die berührende Geschichte des Dennis Rill

Bochumer Sportler bei Paralympics

Dennis Rill musste schon kämpfen, bevor sein Leben überhaupt erst angefangen hat. Dass er jetzt in den Flieger nach Rio de Janeiro steigt, um dort für Deutschland an den Paralympics teilzunehmen, ist ein kleines Wunder. Der 18-Jährige hat vor gerade einmal drei Jahren mit der Leichtathletik angefangen.

BOCHUM

, 30.08.2016, 17:55 Uhr / Lesedauer: 3 min
Die berührende Geschichte des Dennis Rill

Dennis Rill nach 200 Metern bei der Junioren-WM in Prag. In seinem Lauf war er Schnellster, am Ende reichte es hier zur Silbermedaille. Über 100 Meter und im Weitsprung sicherte sich der Wattenscheider jeweils Gold.

Wenn man auf Dennis Rill und sein bisheriges Leben zurückblickt, könnte eigentlich nichts so selbstverständlich und folgerichtig sein wie seine Teilnahme am größten Sportevent für Menschen mit Behinderung – den Paralympics. Gleichzeitig erscheint nichts unglaublicher als diese Leistung, wenn man bedenkt, dass der heute 18-Jährige bei seiner Geburt eigentlich gar nicht mehr am Leben war.

Überlebenschancen gleich Null

Im blauen Trainingsanzug sitzt Dennis Rill an diesem Morgen in der Mensa des TV Wattenscheid 01. Am Abend zuvor hat der Leichtathletik-Verein genau hier seine Olympiateilnehmer und -medaillengewinner empfangen. Jetzt, wenige Stunden später, spricht Rill über seine Ziele für Rio, für seine ersten Paralympics, die vom 7. bis 18. September stattfinden. "Vielleicht klappt es mit Bronze im Weitsprung", sagt er. Bei 5,51 Meter liegt hier seine Bestmarke. Die Medaille ist ein ambitioniertes Ziel, bei den Paralympics in London 2012 sprang der Drittplatzierte damals fast einen Meter weiter.

Aber warum sollte das nicht möglich sein? Dennis Rill hat in seinem Leben schon so einiges geschafft, was unmöglich schien. "Nach seiner Geburt waren die Überlebenschancen gleich Null", sagt Dennis' Mutter Kerstin Rill. Sie war damals einige Wochen vor dem errechneten Entbindungstermin im Krankenhaus, wegen starker Rückenschmerzen ließ sie sich behandeln. Routinemäßig kontrollierten die Ärzte die Herztöne des Ungeborenen. Es gab aber keine. Das Blut aus Dennis' Körper war über die Nabelschnur fehlgeleitet worden und wanderte anstatt ins Baby zurück in den Körper der Mutter. Per Notkaiserschnitt wurde Dennis sofort auf die Welt geholt, viele Wochen musste er im Brutkasten verbringen. Er setzte sich über alle düsteren Prognosen der Ärzte hinweg, die seinen Eltern keine Hoffnung gemacht hatten. Dennis überlebte.

Ein Selfie mit Joachim Gauck

Nun sitzt Kerstin Rill in der Wattenscheider Mensa neben ihrem Sohn, hilft ihm ab und an, wenn er noch einmal das passende Datum zur Medaille braucht. Vielleicht liegt es daran, dass es mittlerweile schon zahlreiche Erfolge sind und man da auch mal durcheinander kommen kann. Tatsächlich eingeschränkt ist aber sein Kurzzeitgedächtnis. Eine Folge aus den Umständen der Geburt.

Und nun, etwas mehr als 18 Jahre später, steigt er am Abend des 31. August in Frankfurt am Main in den Flieger, um zu den Paralympics nach Brasilien zu fliegen. Verabschiedet werden er und die anderen deutschen Sportler von Bundespräsident Joachim Gauck. Mit ihm will Dennis Rill ein Selfie machen. Er sagt das und lacht. Er lacht viel, wenn er spricht, er antwortet überlegt und mit Witz auf Fragen. Dass er es überhaupt ins Aufgebot geschafft hat, kam für ihn überraschend. Die Norm hatte er knapp verpasst, dann sind noch Plätze frei geworden. "Wir haben gerade die Koffer für unseren Urlaub auf Amrum gepackt, als der Anruf kam. Das war der Wahnsinn", sagt Dennis.

1,5 Sekunden in zwei Jahren

Es ist der Lohn für harte und beeindruckende Arbeit. Schon in der Schule hat er sich immer auf den Sportunterricht gefreut. Jahrelang hatte er da eine Orthese tragen müssen, um seinen Spitzfuß loszuwerden. "Eigentlich habe ich früher Fußball gespielt, aber da waren die Trainingszeiten nicht so gut." Auch Tischtennis und Schlagzeug hat er ausprobiert. "Und Karate war katastrophal", sagt Dennis mit einem lauten Lachen. Sein Kurzzeitgedächtnis konnte die Griffe und Bewegungen einfach nicht im Training abrufen.

Im November 2013 ging er dann einfach mal zum TV Wattenscheid 01. "Ich war beim Probetraining und habe schnell gemerkt, dass ich schnell bin." Trotz einer leichten Spastik in den Beinen. Bei seinem ersten Wettkampf über 100 Meter im Mai 2014 lief er 13,33 Sekunden. In diesem Jahr hat er mit 11,83 Sekunden einen Deutschen Rekord in der Klasse T38 aufgestellt. Die 200 Meter hat er in 24,17 Sekunden geschafft. Ebenfalls Deutscher Rekord. Und die 5,51 Meter im Weitsprung, mit dem er vor neun Monaten angefangen hat? Auch Deutscher Rekord. Bei der Junioren-WM in Prag vor einigen Wochen holte er Gold über 100 Meter und im Weitsprung, dazu Silber über 200 Meter. Ein Jahr zuvor kam er mit einer Gold- und einer Silbermedaille von der WM in den Niederlanden zurück nach Wattenscheid.

Familie drückt die Daumen

Klar, bei den Paralympics werden die Gegner noch ein ganz anderes Kaliber haben. Aber Dennis Rill ist gerade einmal 18 Jahre alt. Wenn‘s dieses Mal nichts wird mit einem Podestplatz, dann eben 2020 in Tokio. Bis dahin geht er vielleicht auch schon über die 400 Meter an den Start. "Da hat mir bislang die Kondition gefehlt." Verständlich, wenn man mit Asthma zu kämpfen hat.

Zuhause wird die Familie die Daumen drücken. Mutter Kerstin Rill wird die Nächte dann vor dem Fernseher verbringen. "Mit Worten kann ich meine Emotionen gar nicht ausdrücken", sagt sie. "Ich bin stolz auf ihn, dass er sich im Sport so viele positive Sachen holt, die er sonst aufgrund seiner Behinderung nicht kriegen kann."

Wenn man auf Dennis Rill und sein bisheriges Leben blickt, kann man wohl davon ausgehen, in Zukunft noch sehr, sehr viel von ihm zu sehen.

- Bei den Leichathletik-Wettbewerben in Rio werden die Teilnehmer entsprechend ihrer Einschränkungen in Startklassen eingeteilt, um Chancengleichheit zu ermöglichen.
- Neben Dennis Rill starten vier weitere Wattenscheider bei den Paralympics: Katrin Müller-Rottgardt, ihr Guide und Dennis’ Zimmergenosse Sebastian Fricke, Juliane Mogge und Uta Steckert.
- Dennis Rill ist auch und wird die Seite in Rio auf dem neusten Stand halten.