Die documenta auf der Durchreise in zwei Stunden

Ausstellung in Kassel

Wieder zur documenta – wie immer, alle fünf Jahre? Och nö: Die größte Kunstausstellung der Welt in Kassel ist diesmal nicht so toll. Aber ein bisschen was gesehen haben sollte man doch. Auf der Reise in den Süden fährt man ja fast immer über Kassel. Also: die documenta 14 in zwei Stunden. Ein Experiment.

KASSEL

, 28.07.2017, 13:07 Uhr / Lesedauer: 2 min
Die documenta auf der Durchreise in zwei Stunden

Der Bücher-Tempel auf dem Friedrichsplatz in Kassel ist ein Besuchermagnet. Dort startet unser Zwei-Stunden-Rundgang.

Kulturredakteurin Bettina Jäger hat die ganze documenta gesehen und eine Route mit den wichtigsten Ausstellungspunkten ausgearbeitet. Julia Gaß hat‘s auf der Fahrt nach Bayreuth ausprobiert: Was schafft man in zwei Stunden?

  • Los geht es am Friedrichsplatz, am „Parthenon of books“. Dort gibt es auch Karten (22 Euro). Tipp: Wer sonntags kommt, kann am Friedrichsplatz kostenlos parken. Einige Säulen des Tempels sind immer noch leer; nach und nach sollen sie sich mit einst verboten Büchern füllen. Der Spaziergang führt durch den Tempel zur documenta-Halle. Im Vorbeigehen sieht man den neuen Schriftzug am Fridericianeum. „Being Safe Is Scary“ (Sicher zu sein, macht Angst) hat Künstlerin Banu Cennetoglu dort installiert. Vor dem Fridericianeum bilden sich lange Schlangen. Wartezeit: eine halbe Stunde. Das passt nicht ins Zwei-Stunden-Budget, aber die Kunst aus der Sammlung des Nationalen Museums Athen muss man auch nicht unbedingt gesehen haben.  
  • Gesehen haben sollte man aber die Flüchtlingsboote, die Guillermo Galindo in der documenta-Halle aufgehängt hat und die zum Teil wie Musikinstrumente klingen. Eine Viertelstunde kann man sich in der Halle gut aufhalten. Tipp: eine kleine Tasche mitnehmen, das spart Wartezeit an den Containern, an denen man große Taschen abgeben muss.  
  • Weiter geht‘s in die Orangerie. Erst ein Abstecher in den Westpavillon – eine Schola singt dort im Video, schön beruhigend. Jetzt in den Park. Die „Mühle des Blutes“ aus Holz von Antonio Vega Mecatela ist ein erstaunliches Kunstwerk, eine Anklage gegen die Sklavenarbeit in Boliviens Goldminen. Lohnt sich. Eine kleine Pause auf einer Bank im Park wäre schön, aber weiter geht‘s.
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  • Die Gustav-Mahler-Treppe wieder rauf, Richtung Königsplatz. Kurzer Halt oben an der Treppe vor der documenta-Halle am Röhrenkunstwerk von Hiwa K. Der Blick auf die liebevoll eingerichteten Zimmerchen in den Abwasserröhren ist toll und fasziniert.  
  • Zehn Minuten Fußweg führen zum 16 Meter hohen Obelisken des nigerianischen Künstlers Olu Oguibe. Das Kunstwerk, ein Dank für die Aufnahme von Flüchtlingen, steht auf dem Platz, als hätte es schon immer da hingehört.  
  • Auf der Königsstraße führt der Weg weiter zur „Neuen Neuen Galerie“, und deren Besuch lohnt sich richtig. Der Eingang ist versteckt an der Jägerstraße /Ecke Untere Königsstraße. Eine halbe Stunde sollte man einplanen, um die überwältigenden Fülle von Videoarbeiten, Wandskulpturen und Malerei in der ehemaligen „Neuen Hauptpost“ anzuschauen. Tolle Kunst, ein Höhepunkt der documenta!

Am Schluss bleibt sogar noch etwas Zeit für einen Kaffee und einen Besuch im documenta-Shop. Tipp: Der Shop an der "Neuen Neuen Galerie" bietet mehr Auswahl als der an der documenta-Halle, und das Ausmal-Tischset ist für Kinder der Hit.  

Fazit: Die documenta 14 in zwei Stunden ist gut machbar, das Wichtigste hat man gesehen – ideal als Stopp auf der Urlaubsreise.

FOTOSTRECKE
Bildergalerie

documenta14

10.06.2017
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Das documenta-Kunstwerk "The Parthenon of Books" der argentinischen Künstlerin Marta Minujin ist der wichtigste Blickfang dieser weltgrößten Kunstausstellung.© Foto: dpa
Die Karte zeigt die wichtigsten Spielorte der documenta14.© Grafik: dpa
Adam Szymczyk leitet die 14. Ausgabe der documenta. © Foto: dpa
Die Pressekonferenz der documenta fand in diesem Jahr vor 2000 Journalisten statt und dauerte mehr als zwei Stunden. © Foto: dpa
Für den bewegendsten Moment sorgte der Violinist Ali Moraly aus Syrien. © Foto: dpa
Die argentinische Konzeptkünstlerin Marta Minujin will mit ihrer Installation "Partehon of Books" grundsätzlich das Verbot von Büchern geißeln. © Foto: dpa
Sie war in Kassel vor und währen der Eröffnung eine gefragte Gesprächspartnerin. © Foto: dpa
Ihr Markenzeichen: eine spiegelnde Sonnenbrille. © Foto: dpa
Das Werk ist vor allem im Detail überraschend. Bestürzend, welche Bücher irgendwo irgendwann einmal verboten waren oder sind. © Foto: dpa
Unweit des Büchertempels steht auf dem Friedrichsplatz das Röhren-Kunstwerk von Hiwa K.© Foto: dpa
Jede Röhre ist unterschiedlich eingerichtet. © Foto: dpa
Sogar eine Bibliothek gibt es. © Foto: dpa
Der Künstler Hiwa K. hat damit seine eigene Flucht aus dem Irak thematisiert. © Foto: dpa
Vom Zwehren-Turm steigt Rauch auf. Mit dem "Expiration Movement" weist Daniel Knorr auf die andere Hälfte der documenta in Athen hin. © Foto: dpa
Auf dem Friedrichsplatz, aber auch an anderen Orten der Stadt hängen die Plakate von Hans Haacke. © Foto: Jäger
Gut hinschauen: Die Inschrift "Being safe is scary" hat die gewohnte Schrift "Museum Fridericianum" ersetzt. Die Idee stammt von der Künstlerin Banu Cennetoglu. © Foto: dpa
Innen sind Werke aus dem Nationalen Museum für Zeitgenössische Kunst zu sehen - etwa Das Objekt "Bottari" von Künstler Kimsooja und die Fotografie "Cathexis #39" von Künstler J. Kosuth. © Foto: dpa
Das ist das Objekt "Sails" (1981) von Künstler B. Davou.© Foto: dpa
Das effektvolle Objekt "E273" (1980) von Künstler Stathis Logothetis. © Foto: dpa
Weiter geht es mit der documenta-Halle. Von der griechischen Küste stammen die Wracks von Flüchtlingsbooten, aus denen die Installation des Künstlers Guillermo Galindo besteht. © Foto: dpa
Der Künstler hat sie in Musikinstrumente verwandelt. © Foto: dpa
Riesig ist die rote Installation der Künstlerin Cecilia Vicuna in der documenta-Halle. © Foto: dpa
Auch Lichtkunst gibt es in dieser Halle. © Foto: dpa
Marie Cool vom Künstler-Duo Marie Cool Fabio Balducci bei einer Performance in der documenta-Halle. Sie produzierte seltsame, ganz leise Geräusche mit einem gespannten Klebeband. Die Aktionskunst spielt eine ganz große Rolle bei dieser documenta. © Foto: Jäger
In der Karlsaue gibt es diesmal nicht so viel zu sehen. Die "Mühle des Blutes" ist aber spektakulär. Der Künstler will sie dort auch in Gang setzen. Das Werk prangert Sklavenarbeit an. © Foto: dpa
Der bekannte Künstler Olaf Holzapfel hat den "Zaun" in der Karlsaue aufgebaut. © Foto: Jäger
Die Ciudad Abierta (Offene Stadt) ist ein unkonventioneller Treffpunkt. Sie liegt ebenfalls in der Karlsaue. © Foto: dpa
Sehenswert in der Neuen Galerie: Illegal beschlagnahmte Bücher aus vormals jüdischem Besitz zeigt die Installation von Maria Eichhorn.© Foto: dpa
Im Gegensatz zur traditionsreichen "Neuen Galerie" an der Straße Schöne Aussicht ist die "Neue Neue Galerie" die ehemalige Hauptpost an der Unteren Königsstraße. Sie ist der interessanteste Ausstellungsorte der documenta 14. © Foto: dpa
Besonders gelungen ist die Installation "Atlas Fractured" des Künstlers Theo Eshetu.© Foto: dpa
Davor befindet sich eine Arbeit von Dan Peterman.© Foto: dpa
Foto und Video der "Gesellschaft der Freunde von Halit" erinnern an das Kasseler NSU-Opfer Halit Yozgat.© Foto: Jäger
Der Vorhang aus Rentierschädeln stammt von Maret Anne Sara. © Foto: dpa
Ein tolles Foto von der anderen Seite der Installation. © Foto: dpa
In dem eigentlich hässlichen Betongebäude finden auch Performces statt - wie "Staging" von Maria Hassabi (hinten). © Foto: Jäger
Auch dieses Solo gehört zu "Staging".© Foto: dpa
Blick auf das kunderbunte Kunstwerk "The Reading Room" von Rashid Araeen. © Foto: dpa
"Carved to flow" heißt die Arbeit vpn Otobong Nkanga . Die zu Türmchen errichteten Seifenstücke werden verkauft.© Foto: dpa
"Telon de la movil y cambiante naturaleza" (Vorhang beweglicher und veränderlicher Natur) heißt diese Arbeit von Beatriz Gonzalez. Sie bezieht sich auf das "Frühstück im Grünen" von Manet. © Foto: dpa
Der Künstler Daniel Garcia Andujar neben seiner Skulptur.© Foto: dpa
Die Performance "Spinal Discipline" der Künstlerin Irena Haiduk.© Foto: dpa
Ebenfalls sehr gelungen ist die großformatige Arbeit von Gordon Hookey.© Foto: dpa
Der Künstler Gordon Hookey vor seinem Werk.© Foto: dpa
"The drill" nennt Sergio Cavalho seine Installation. Dabei soll der linke Kopf den Chef der Deutschen Bank John Cryan darstellen, während der rechte Kopf der NSU-Terroristin Beate Zschäpe nachempfunden ist. © Foto: dpa
Die Gießhalle ist ein schönes Stück Industriekultur. Innen läuft die bestürzende Video-Arbeit "Crossings". © Foto: Jäger
Auch die Gottschalk-Halle gehört zu den neuen Ausstellungsorten im Norden Kassels. Der Eingang liegt in einem Hinterhof an der Gottschalkstraße (Höhe Hausnummer 22 ) und ist etwas schwer zu finden. © Foto: Jäger
Sehr interessant ist hier das Werk "The chess society". © Foto: Jäger
Am nördlichsten Punkt der documenta liegt "The Living Pyramid" der Künstlerin Agnes Denes.© Foto: dpa
1800 Pflanzen sollen in 100 Tagen documenta das Gestell komplett überwuchern. © Foto: dpa
Zum Schluss ein Tipp: Wem die Kunst in Kassel zu modern ist, findet im Schloss Wilhelmshöhe ein Museum mit wunderschöner klassischer Kunst und einer witzigen Herkules-Ausstellung. Hier lässt sich auch wunderbar eine Kaffeepause machen. © Foto: Jäger