Die erste Erklärung des Hauptangeklagten im Wortlauf

Fall Kandaouroff

Im Prozess um den tödlichen Kopfschuss auf den Halterner Seehof-Chef Klaus Kandaouroff hat der Hauptangeklagte Mladen P. (43) aus Haltern am Mittwoch (7. September) über seine Verteidiger Dieter Kaufmann und Boris Strube eine erste Erklärung zu den Anklagevorwürfen abgegeben. Die Stellungnahme bezieht sich zunächst ausschließlich auf den mitangeklagten Raubüberfall auf eine Bochumer Anwaltswitwe im Jahr 2006. Zu dem tödlichen Schuss auf den Millionär am 29. Mai 2010 vor der Villa in Datteln haben alle drei Angeklagten Erklärungen für den kommenden Prozesstag (12. September) angekündigt.

BOCHUM/HALTERN

von Ruhr Nachrichten

, 07.09.2011, 14:39 Uhr / Lesedauer: 6 min
Das Bild zeigt ganz links Verteidiger Boris Strube, ganz rechts Verteidiger Dieter Kaufmann. Die Dortmunder Anwälte vertreten den Hauptangeklagten Mladen P. aus Halten, der sich auf dem Foto gerade wegdreht.

Das Bild zeigt ganz links Verteidiger Boris Strube, ganz rechts Verteidiger Dieter Kaufmann. Die Dortmunder Anwälte vertreten den Hauptangeklagten Mladen P. aus Halten, der sich auf dem Foto gerade wegdreht.

  Als ich dann das Ehepaar in Bochum antraf, hatte sich der Ehemann wohl offensichtlich anders entschlossen und hat mir nahe gelegt, einen Kredit aufzunehmen. Er selbst wollte mir wohl nicht mehr helfen. Dies war so in etwa ein Jahr vor dem Überfall, also im Jahre 2005.   Kurz vor der eigentlichen Tatausführung - ca. zwei Tage zuvor - saß ich eines abends in einer Bar in Düsseldorf in der Altstadt. Welche das genau ist, kann ich nicht mehr sagen. Dort lernte ich einen Mann kennen namens „Marco“. Den Nachnamen selbst hat er mir nie gesagt. Er war in etwa vier bis fünf Jahre jünger als ich, von der Nationalität her Serbe oder Kroate. Wir tranken dort gemeinsam ein paar Runden Bier und kamen so ins Gespräch. Er erzählte mir, dass er weder Frau noch Kinder habe. Im Verlauf des Gespräches kamen wir dann auf das Thema Geld zu sprechen. Er klagte über akute Geldsorgen und ließ mich wissen, dass, wenn er eine Möglichkeit habe, irgendwie schnell an Geld zu kommen, diese auch zwingend nutzen müsse.

  Vor dem Hintergrund meiner eigenen Geldsorgen teilte ich ihm mit, dass ich durchaus eine Möglichkeit hätte, die allerdings nicht ganz legal wäre. Dies war „Marco“ jedoch offensichtlich egal, so dass an diesem Abend zum ersten Mal konkret der potentielle Einbruch bei Frau K. thematisiert wurde.   Wir machten ein konkretes Datum und einen Treffpunkt aus und verließen die Bar. Ich kann mich noch erinnern, dass „Marco“ einen uralten Kadett in roter oder dunkelroter Farbe fuhr, der seiner Information zufolge seinem Cousin gehörte. Angeblich kam dieser aus Düsseldorf.

  Am Abend der Tat in Bochum ließ sich Marco von irgend jemanden zu meiner Arbeitsstelle bringen. Dies war so zwischen 19.00 und 20.00 Uhr. Wer ihn dorthin brachte, kann ich nicht sagen. Ich weiß noch, dass ich mich deswegen mit ihm dort verabredet hatte, weil er sich so schlecht meine Anschrift merken konnte und die Lokalität in Haltern nicht unbekannt war. Insofern hätte er ggf. dort den Weg erfragen können bei Bedarf.   Ich fuhr damals mit meinem Pkw, einem blauen 5er BMW, dessen amtliches Kennzeichen RE-MP lautete. Bei der Nummer bin ich mir nicht mehr sicher. Wir fuhren dann mit meinem Pkw nach Bochum zur Anschrift der Frau K. Zwischenzeitlich hatte ich erfahren, dass der Mann verstorben war. Dies hatte sie mir bei einem ihrer zahlreichen Restaurantbesuche erzählt. In Bochum kamen wir an so ca. gegen 22.00 Uhr.

  Geplant war, dass wir zunächst einmal auskundschaften wollten, ob das Haus zum Zeitpunkt des Einbruchs unbewohnt war. Auf Grund der örtlichen Nähe zur Polizei wollten wir dahingehend kein Risiko eingehen. Darüber hinaus befürchtete ich, dass mich Frau K. unabhängig von der Maske, die ich notfalls bei mir trug, sofort erkennen würde. Immerhin haben wir zahlreiche Stunden in Gesprächen miteinander verbracht. Ich wollte auf jeden Fall ein Aufeinandertreffen verhindern. Für den Fall ihrer Anwesenheit hätten wir den Einbruch verschoben.   Als wir dort ankamen, stellten wir zunächst fest, dass das gesamte Haus dunkel war. Wir gingen insofern davon aus, dass Frau K. nicht im Hause war. Ich meine mich erinnern zu können, dass sie auch irgendwann im Vorfeld gesagt hatte, dass sie in der Zeit urlaubsbedingt abwesend sei. Das dunkle Haus bestätigte diese Informationen.

  Die Tatausführung selbst war nicht konkret geplant, so dass wir zunächst vorhatten, vorne durch das Haus einzusteigen. Wir erkannten jedoch schnell, dass dies nicht möglich ist. So gingen wir um das Haus herum und stiegen über einen kleinen Zaun in den Garten. Wir sahen die Kellertür und dachten, dass dies eine günstige Möglichkeit wäre, dort einzusteigen. Abwechselnd versuchten wir, die Kellertür aufzubrechen. Dies geschah mittels der dafür vorgesehenen und mitgeführten Schraubenzieher. Letztlich bekamen wir die Kellertür auf und standen dann vor einer zweiten verschlossenen Tür. Wir bemerkten, dass der Schlüssel von innen in der anderen Tür steckte und haben ihn dort herausgeschoben. Mit einem Draht, den wir im Keller fanden, angelten wir den Schlüssel dann unter der Tür hinweg und konnten so aufschließen. Als wir im Keller waren, erinnere ich mich, dass wir auch einen Stromkasten registrierten. Wer von uns beiden den gesamten Strom dann letztlich für das Haus abgeschaltet hat weiß ich nicht mehr genau. Warum, kann ich auch nicht mehr konkret sagen, wahrscheinlich war es eine reine Vorsichtsmaßnahme.   Wir gingen dann beide die Treppe hoch und der „Marco“ hat eine Tür aufgemacht. Wir haben dann im Erdgeschoss nacheinander sämtliche Zimmer der Frau K. aufgesucht und nach Wertgegenständen geforscht. Ein wenig kannte ich mich ja aus, da ich ja bereits hier einmal tagsüber zu Besuch gewesen bin.

  Wir vermuteten, dass das Bargeld und der Schmuck sich oben befinden würden. Also gingen wir nach oben in die erste Etage. Da es stockdunkel war, führte jeder von uns beiden eine Taschenlampe mit sich. Der „Marco“ ging sofort ins Schlafzimmer, ich wählte ein anderes Zimmer.   Plötzlich nahm ich wahr, dass „Marco“ mit jemandem sprach. Auf Grund dessen bin ich sofort ins Schlafzimmer und sah dort, dass „Marco“ bei Frau K. auf dem Bett saß, mit ihr sprach und sie an den Oberarmen festhielt. Sinngemäß sagte er ihr, dass wir nur Geld wollten und ihr nichts tun würden. Frau K. sagte uns dann auch zunächst, dass sich Geld in der Küche befinden würde. Ich bin daraufhin in die Küche gegangen und habe dort das Geld aus der Handtasche an mich genommen. Ich erinnere mich auch daran, dass ich das Telefon aus der Ladestation genommen und in die Mülltonne gesteckt habe. Gleichzeitig entnahm ich aus der Küchenschublade ein Schälmesser. Mangels vorhandenen mitgeführten Fesselungsmaterials hatte ich damit ausschließlich vor, aus den vorhandenen Bettlaken einzelne Streifen zu schneiden. Danach ging ich wieder nach oben in die erste Etage ins Schlafzimmer. Frau K. hat uns noch den Tresor im Schlafzimmer geöffnet und wir hatten die Möglichkeit, das Geld und den Schmuck an uns zu nehmen. Ich habe das Geld wie auch den Schmuck eingepackt. Wo hinein genau weiß ich noch nicht mal mehr. Es könnte eine Tasche oder ein Kopfkissenbezug gewesen sein.

  Ich habe dann aus dem vorhandenen Bettbezug einzelne Streifen mittels des Schälmessers geschnitten. Ob Frau K. das gesehen hat, kann ich nicht mehr genau sagen. Ich ging jedoch davon aus, dass sie das Messer zu keinem Zeitpunkt wahrgenommen hat.   Dann habe ich Frau K. die Hände auf den Rücken gefesselt. Dazu bin ich auf die andere Seite des Bettes gegangen und habe dafür ein größeres Stoffteil genommen. Ich konnte durch die Maske kaum richtig sehen, insbesondere weil das Zimmer kaum ausgeleuchtet war. Ich meine aber, dass das Fesselungswerkzeug sehr groß und unhandlich war, ich vermute, dass es sich dabei um Stofffetzen aus einem Oberbett oder ähnlichem gehandelt hat. Ich konnte kaum damit Knoten machen. Ich habe jedoch auch bewusst das Tuch nur ein paar Mal locker um die Handgelenke gewickelt. Dies vor dem Hintergrund, dass ich ja wusste, dass Frau K. allein wohnte und ich wollte, dass sie sich selbst befreien würde. Durch das entsorgte Telefon ging ich davon aus, dass es für einen kleinen adäquaten Vorsprung für uns reichen würde.  

Ich habe dann die weiteren Zimmer im ersten Geschoss aufgesucht auf der Suche nach etwaig weiter vorhandenen Safes. Ich habe jedoch keine mehr gefunden. Insofern ging ich zurück zu „Marco“, tippte ihm auf die Schulter, weil ich ja nicht sprechen wollte, und ging dann aus dem Zimmer. Meiner Erinnerung nach habe ich bewusst kein Wort in ihrer Anwesenheit gesprochen. Sicher bin ich mir jedoch nicht. Wir eilten aus dem Haus, ich wusste ja, dass uns nicht viel Zeit verbleiben würde, da die Fessel ohne Probleme leicht von selbst zu entfernen war. Ich habe erst im Nachhinein erfahren, dass Frau K. geschlagen worden ist. Ich kann ausschließen, dass ich es war, der sie geschlagen hat. Ich habe den Schlag - wie gesagt - nicht einmal mitbekommen.   Dies war auch ausdrücklich nicht im Ansatz besprochen oder geplant. Ich hätte es auch nicht gebilligt. Vielmehr sind wir ja davon ausgegangen, Frau K. gar nicht dort anzutreffen.

  Darüber hinaus kann ich ausschließen, irgendein Messer noch sonst etwas bei mir geführt zu haben, um es gegen Frau K. einzusetzen. Ich habe lediglich das Schälmesser aus der Küchenschublade bei Frau K. entnommen, um das Fesselungswerkzeug herzustellen. Ich bin davon ausgegangen, dass Frau K. zu keinem Zeitpunkt das Messer überhaupt gesehen hat.   Es war auch nicht dazu gedacht, es irgendwie anders einzusetzen. Ich kann nochmals sagen, dass es eigentlich nur ein Einbruch werden sollte.   Wir verließen dann das Haus wieder durch den Kellereingang und eilten zu meinem Pkw. Ich fuhr den „Marco“ nach Düsseldorf zu seiner Anschrift. Es war ein Wohngebiet mit Hochhäusern. Eine ganze Straße mit Hochhäusern, so ca. fünf bis sechs Etagen jeweils. An etwas Besonderes in dem Ortsteil kann ich mich nicht erinnern. Vor seiner Anschrift in Düsseldorf haben wir dann noch im Auto die Beute geteilt. Wir haben das Geld aufgeteilt und den Schmuck einfach in zwei Teile. Ich bekam ungefähr 10.000,-- € und die Hälfte des Schmucks.  

Zurück fuhr ich dann allein über die A 3 und die A 43 und fand so den Weg nach Hause zurück. Den gesamten Schmuck habe ich verkauft. Ich habe einen An- und Verkaufsladen in Haltern ca. drei- bis viermal aufgesucht und etappenweise einige Schmuckstücke dort verkauft. Ich glaube, dass ich für den gesamten Schmuck ca. 5.000,00 € herausbekommen habe.   Ich habe den „Marco“ selbst danach nicht mehr gesehen oder gehört, ich hatte auch keine Kontaktdaten zu ihm, sonst hätte ich ihn ggfls. auch über das Vorhaben mit Kandaouroff eingeweiht.   Ich darf anmerken, dass es für mich keinen Grund gibt, „Marco“ hier nicht namentlich identifizierbar zu nennen. Dies habe ich auch bei dem Kandaouroff-Fall getan, wo ich explizit den Namen des bis dato noch unbekannten Mittäters Michael M. genannt habe.   Es gibt keine Veranlassung für mich, den Mittäter aus Bochum zu decken. Ich kenne ihn jedoch nicht weiter.