Für Autos ist die Straße da für Fahrradfahrer der Radweg – was so einfach klingt, wird deutlich schwieriger, wenn Auto- und Radverkehr ihre Spuren kreuzen. Am Kreishauskreisel zeigt sich, dass die „fahrradfreundliche Stadt“ Unna doch eher eine Autostadt ist.

Unna

, 12.07.2018 / Lesedauer: 4 min

Diskussionen zwischen Auto- und Fahrradfürsprechern grenzen oft an religiösen Dogmatismus. Statt des Miteinanders, wie es in Paragraf 1 der Straßenverkehrsordnung verlangt wird, gewinnt der interessierte Betrachter den Eindruck, dass Entscheidungen zugunsten der einen Verkehrsart zwangläufig zulasten der anderen geht. Am Kreishauskreisel ist es nun allerdings tatsächlich der Fall. Überlegungen der Stadt, wie der Dauerstau vom Kreisel über die Kantstraße zum Stadtring entschärft werden könnte, verärgern den ADFC. „Das ist Verkehrspolitik für den Autofahrer“, kritisiert Ortsgruppensprecher Helmut Papenberg. Denn ein besserer Verkehrsfluss für den motorisierten Verkehr würde durch einen Umweg und Wartezeiten für Radfahrer und Fußgänger erkauft. Sie würden den Kreisel-Ast der Viktoriastraße mit über eine Ampel überqueren müssen – und zwar in größerer Entfernung als bislang.

Diese Idee ist noch keine beschlossene Sache, aber zumindest Ergebnis eines weiteren Gutachtens und damit Grundlage eines der wichtigsten Bauprojekte in der Innenstadt. Auf dem Gelände der Mühle Bremme soll ein Einkaufszentrum entsteht, das natürlich zusätzlichen Verkehr anzieht. Weil das Mühlengelände nur über den Stadtring anzubinden ist und die Zufahrt bereits im heutigen Rückstaubereich des Kreisels liegt, sucht der Gutachter des Mühlen-Investors nach Möglichkeiten, den Verkehrsfluss am Kreisel zu beschleunigen. Er entdeckte, dass es die „kleckerweise“ querenden Radfahrer und Fußgänger an der Ausfahrt zur Viktoriastraße sind, die den Kreiselverkehr immer wieder durch wartende Autos zum Stillstand kommen lassen. Die Schwachen Verkehrsteilnehmer sind in dieser Betrachtung schlichtweg ein Problem, das es zu handhaben gilt. Müssten sie den Autos Vorrang gewähren, bis eine Ampel grünes Licht zeigt, kämen die Motorfahrzeuge schneller von der Stelle.

Was aus Sicht des Autofahrers vielversprechend klingt, ist für die Fahrradlobby ein Schlag ins Gesicht. Es stünde allerdings auch im Widerspruch zu Beschlüssen, die die Stadt selbst für die Stärkung des Radverkehres gefasst hat, erinnert ADFC-Sprecher Papenberg. Bis zum Jahr 2025 will Unna den Radverkehrsanteil am Gesamtverkehr auf 25 Prozent anheben. Es wäre eine Verdopplung seit der jüngsten Erhebung. Zu den Maßnahmen, mit denen Unna das ambitionierte Ziel erreichen will, zählt der Aufbau eines geeigneten Wegenetzes, bestehend aus Fahrradverbindungen in zwei Kategorien. Die Querung der Viktoriastraße gehört zum wichtigeren Hauptnetz.

Für Papenberg ist es sogar einer der wichtigsten Radwege Unnas, der dort verläuft: Die Achse aus der oberen Friedrich-Ebert-Straße und der Platanenallee verbindet die Innenstadt mit dem Kreishaus und den Königsborner Schulen, erschließt in Unna und in Königsborn die Bahnhöfe, wäre später ein Zubringer zum Radschnellweg RS1. Ausgerechnet auf dieser Strecke die Radfahrer zur Unterordnung gegenüber dem Autoverkehr zu zwingen, sei ein bedenkliches Zeichen. „Wenn es drauf ankommt, ist Unna doch noch eine Autostadt“, kritisiert Helmut Papenberg. Und: „Dass man mit einem Radweg die Staus nicht auflösen kann, ist mir auch klar. Aber es würden diejenigen bestraft, die mit dazu beitragen wollen, dass die Staus nicht noch länger werden.“

Zeichen, dass in Unna noch immer häufiger übers Lenkrad auf die Straße geblickt wird als über den Fahrradlenker, sieht Papenberg gerade auf der Nord-Süd-Achse von der Innenstadt nach Königsborn mehrere. Vor Jahren schon war es ein Antrag, die Platanenallee zur Fahrradstraße zu erklären, der deutlich scheiterte. Heute ist es die Minimalvariante für die Abpollerung der Hammer Straße am Königsborner Tor. Die Durchfahrtbeschränkung soll dazu führen, das Radfahrer ohne Gefährdung durch querende Autos aus der Unterführung heraus über die Straße fahren können. Noch immer radeln sie dabei aber auf eine Reihe massiver Poller zu und neuerdings verstärkt dort eine Zickzacklinie auf der Fahrbahn die optische Sperrwirkung. Die Stadt hat es gut gemeint, will dort verhindern, das Autofahrer ihren Wagen abstellen. Papenberg hätte sich lieber eine Markierung für den Radverkehr als gegen die Autos gewünscht. „Einfach aufzeigen, dass da ein Radweg ist. Auf die Idee ist wohl keiner gekommen.“

Die ewige Konkurrenz zwischen Auto- und Fahrradfahrern

Kein echtes Hindernis, aber eben auch kein erkennbarer Weg: Die gedachte Fahrradführung am Königsborner Tor ist nicht erkennbar – eher im Gegenteil.Hennes © UDO HENNES

Fahrradfahrer sollen sicherheitshalber in zwei Richtungen queren

Das Zusammentreffen von Radfahrern und motorisiertem Verkehr im Kreishauskreisel war zuletzt von der Unfallkommission diskutiert worden. Unfallzahlen dort hatten sich gehäuft, ein Mittel dagegen ist noch nicht gefunden. Der Straßenbaulastträger Straßen NRW prüfe derzeit, ob die Querung der Viktoriastraße wie von der Kommission vorgeschlagen näher an den Kreisel gerückt werden sollte, erklärt Stadtsprecher Oliver Böer. Während dieses Ergebnis noch abzuwarten ist, steht fest: Radfahrer sollen die Querungen auf den Kreiselzu- und -ausfahrten weiterhin in zwei Richtungen befahren. Schilder weisen Autofahrer darauf hin, dass sie auf diese querenden Radler achten müssen. Wenn Radler nur noch in eine Richtung fahren würden, wäre das vermutlich sehr viel sicherer. Aber was nützt ein entsprechendes Verbot? „Sehr wahrscheinlich würden viele weiterhin so fahren wie bisher“, sagt Böer. Bloß würden dann Autofahrer nicht mehr auf die Gefahr hingewiesen, und das Unfallrisiko wäre sogar höher als jetzt, so die Überlegung der Unfallkommission. Deswegen soll an dieser Stelle nichts geändert werden.