Die Liebe der Mondgöttin

Kino: "Der Freischütz"

Oper im Kino - das ist seit den Live-Übertragungen aus der New Yorker Met eine große Erfolgsgeschichte. Doch kann von diesem Boom auch die rare, oft schrille Gattung des Opern-Spielfilms profitieren? Regisseur Jens Neubert wagt es jetzt mit Carl Maria von Webers "Freischütz" und trifft voll ins Schwarze. Auch ohne teuflische Freikugeln.

von Von Manuel Jennen

, 26.12.2010, 12:15 Uhr / Lesedauer: 2 min
Agathe (Juliane Banse) träumt von der Liebe.

Agathe (Juliane Banse) träumt von der Liebe.

Selbst berühmte Opernfilme wie Furtwänglers "Don Giovanni" oder Ingmar Bergmans "Zauberflöte" simulieren oft eine Bühnenaufführung. Wenn Opernsänger wie Hollywood-Stars vor Studio- oder Freiluft-Kulissen agieren müssen, kommt hingegen meist plüschiger Kitsch (zum Beispiel Anna Moffo in "Lucia di Lammermoor", 1971 heraus.Im Gesicht des Sängers Der Dresdner Opernregisseur Jens Neubert findet hingegen genau die Balance zwischen einer realistischen Darstellung der Handlung, einer maßvollen Neuinterpretation und Stilmitteln, die das Kino dem Theater voraushat: etwa lange Nahaufnahmen der Gesichter, die sein Sängerensemble bravourös meistert. Webers "Freischütz" spielt im Böhmen des Dreißigjährigen Krieges. Neubert verlegt ihn in einen anderen Krieg, der wenige Jahre vor der Uraufführung der Oper tobte: 1813 kämpft Napoleon gegen die Preußen. Während der finsteren Ouvertüre sieht man die Schlacht. Der Jägergeselle Kaspar kommt mit dem Leben davon, die Liebe zu Agathe hält ihn aufrecht. Doch Agathe entscheidet sich für Max.Satanische Freikugeln Der Hintergrund des Krieges prägt den Film. Wenn Kaspar mit Max in der Wolfsschlucht die satanischen Freikugeln gießt, mit denen Max seinen Probeschuss vor der Hochzeit bestehen will, ist kein Teufel notwendig. In der Wolfsschlucht hat der Fürst die Leichen der Soldaten abwerfen lassen. Das Bild der zerfetzten Körper vor der ungerührten Schönheit der sächsischen Schweiz ist grauenhaft. Der Teufel sitzt in Kaspars Kopf: Er ist das Trauma des Krieges.Leben im LustschlossIn krassem Gegensatz dazu steht das Leben der Försterstochter Agathe und ihrer bildhübschen Kusine Ännchen, die in einem Lustschloss leben und auf sexuelle Erweckung warten. In ihrer Liebesarie "Leise, leise" schläft Agathe ein und schwebt als Mondgöttin auf die Spitze des Schlosses. Während ihr Gesang zum Himmel steigt, schwenkt die Kamera in die Ebene und zeigt die leuchtenden Zelte der Soldaten: ein atemberaubendes Bild.Sensationelles ÄnnchenJuliane Banse ist eine schöne, reife Agathe mit dunklem Timbre. Ihre blutjunge Kollegin Regula Mühlemann als Ännchen ist eine Sensation. Michael Volle gibt einen dämonisch-virtuosen Kaspar, einzig Tenor Michael König bleibt als Max zu phlegmatisch. Dirigent Daniel Harding zaubert mit dem riesigen London Symphony Orchestra einen romantischen Blow-up, der Furtwängler beglückt hätte und uns überwältigt. Unbedingt ansehen.

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