"Die Marquise von O" modern in Szene gesetzt

Begeisterung im Saalbau

Ganz frisch und spritzig kam am Samstag Kleists Novelle "Die Marquise von O..." auf die Bühne des Saalbaus. Die Volksbühne Witten hatte die Inszenierung in die Ruhrstadt geholt. Damit gelang der Volksbühne ein echter Coup. Beim Publikum sorgte das Stück für Begeisterung.

WITTEN

, 26.10.2014, 15:00 Uhr / Lesedauer: 1 min
"Die Marquise von O" modern in Szene gesetzt

Turbulente Szenen spielten sich auf der Bühne ab, unterstützt durch ein variables, ausgefallenes Bühnenbild.

Kleists Aufbäumen gegen überkommene Moralvorstellungen fand uneingeschränkt Umsetzung. Die verwitwete Marquise, bei ihren Eltern untergekommen, wird beim Angriff auf die vom Vater befehligte Zitadelle von einem russischen Offizier vor marodierenden Soldaten gerettet. Dass der sie im Getümmel vergewaltigte, wird ihr erst viel später klar. Die Eltern verstoßen sie. Erkennen spät deren unwissende Unschuld und vergeben ihr. Mit einem ausgefuchsten Ehevertrag helfen sie ihr, den heftig um sie werbenden Vergewaltiger der Form halber zu ehelichen. Rasant schalteten die Darsteller zwischen ernsthafter Würde, turbulenten Szenen, Slapstick und Slow Motion ebenso wie akrobatischen Einlagen hin und her. Sich auf Kleists Affinität zur Musik berufend, machte Armbruster Hausmusik zum Symbol des Alltags. Mit Cello, Blockflöte und Gesang suchte die Familie einträchtige Harmonie – bis zum Moment des ersten Granateinschlags: „Die Russen kommen!“ Alles stürzte durcheinander, als sich mit ohrenbetäubendem Lärm Stahlrohre durch die Kulissen bohrten, der russische Offizier (Sebastian Strehler) wie mit einem Kampfpanzer in die Stube rollte. Doch in mobiler Gerüstkonstruktion legte dieser unterm Stahlhelm ein gekonntes Schlagzeug-Solo hin.

Christian Kaiser gab den Kommandanten zwischen aufbrausender Pflichterfüllung und anrührender Tollpatschigkeit. Ursula Berlinghof als folgsame Offiziersgattin, entwickelte bald das Bild einer kreativen Frau, brachte die Familie wieder zusammen. Wie zwei Marionetten tanzten Marquise (Lisa Wildmann) und Mutter zu den Rhythmen des Fremden. Hier trat die verstoßene Tochter mit den Zuschauern in belehrenden Dialog; dort wieder hastete sie verfolgt durch den Saal. Dem sichtlich aktiven jungen Paar wurde schließlich von den ermattenden Großeltern ein Baby nach dem anderen zugetragen. Und das Publikum jubelte vor Begeisterung.  

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