Die „Meistersinger“ spielen daheim bei den Wagners

Premiere in Bayreuth

"Es geht um Wagner", hat Barrie Kosky in den vergangenen Tagen stets geantwortet, wenn er gefragt wurde, warum ein Regisseur mit jüdischen Wurzeln Wagners deutsche Nationaloper "Die Meistersinger von Nürnberg" inszeniere - ausgerechnet in Bayreuth. Es geht um Wagner - das hat Kosky wörtlich genommen.

BAYREUTH

, 26.07.2017, 11:30 Uhr / Lesedauer: 2 min

Nürnberg ist Bayreuth, Hans Sachs ist Wagner, Schwiegervater Franz Liszt klimpert als Meister Pogner mit ihm Klavier im Salon der Villa Wahnfried. Eva ist Cosima, und ausgerechnet der jüdische Dirigent Hermann Levy der verhasste Kritiker Beckmesser. Das Mobbingopfer der Oper.

Ein Füllhorn an Ideen schüttet Kosky, Intendant der Komischen Oper Berlin, im ersten der drei Akte aus. Turbulente Spieloper und Bürgertums-Kabarett ist das, was dort im August 1875, dem Jahr, als die ersten Proben im Bayreuther Festspielhaus über die Bühne gingen, aktionsreich auf das Publikum der Eröffnungspremiere einprasselte. Und ein prächtiges Kostümstück (Klaus Bruns).

Kosky gehen in Bayreuth die Ideen aus

Dann bricht Kosky den Spaß und verlegt den zweiten Akt in den Verhandlungssaal der Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse. Auf dem Boden ist Gras über die Verbrechen der Nationalsozialisten gewachsen, in dieser surrealen Idylle genießt Hans Sachs die Johannisnacht.

Später bläst sich als Luftfigur die antisemitische Karikatur eines Juden auf, ähnlich wie sie die Nazi-Hetzschrift "Der Stürmer" einst zeichnete, und begräbt Sachs/Wagner unter sich. So darf wohl nur ein jüdischer Regisseur inszenieren. Aber Kosky bleibt im dritten Akt (im Gerichtssaal-Bühnenbild) die Auflösung schuldig, ein wenig gehen ihm die Ideen aus, und die Wagner/Sachs-Geschichte scheint ausgereizt.

"Meistersinger" als fein gezeichnete Satire

Die erste Idee trägt nicht über fünf Stunden, und Kosky erzählt sie nicht stringent. Immerhin greift er sie am Schluss wieder auf: ein zweites Orchester mit Chor fährt auf die Bühne, dirigiert von Wagner/Sachs mit der Mahnung "Verachtet mir die Meister nicht".

Eine mit spitzer Feder fein gezeichnete Satire sind diese "Meistersinger" - auch musikalisch. Der Schweizer Philippe Jordan lässt das Orchester elegant und zart musizieren. Überwältigungsmusiktheater wie sonst in Bayreuth, wenn Christian Thielemann am Pult steht, ist das nicht.

Wagner-Tenor singt sich im dritten Akt frei

Mehr Wagner-Belcanto, der sich aber nicht in der Solistenriege widerspiegelt. Einzig der lyrische Tenor Daniel Behle singt als Schusterbub David Linien richtig aus. Dennoch sind die Meistersinger im Ensemble alle männlich: Michael Volle ist ein spielfreudiger Sachs/Wagner, Johannes Martin Kränzle ein ebenso gewitzter und präsenter Beckmesser.

Wagner-Tenor Klaus Florian Vogt singt sich als Stolzing im dritten Akt frei. Anne Schwanewilms fällt als Eva/Cosima ab, ihr fehlt einfach die jugendliche Frische für diese Rolle. Die kleine Nachtwächter-Partie sang für den erkrankten Dortmunder Bassisten Karl-Heinz Lehner Georg Zeppenfeld aus dem Off.

Riesenjubel nach sechseinhalb Stunden im diesmal angenehm temperierten Festspielhaus. Noch größer wäre der Jubel wohl ausgefallen, wenn Kosky im dritten Akt mehr eingefallen wäre.

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