Die Poesie des Verfalls

Kunstsammlung NRW

In den Vereinigten Staaten, wo Alberto Burri ab 1963 zeitweilig lebte, hat der Italiener einen großen Namen. In Deutschland liegt seine letzte große Ausstellung gut zwei Jahrzehnte zurück. Nun entdeckt die Kunstsammlung NRW sein einflussreiches Werk wieder. Mit amerikanischer Unterstützung.

DÜSSELDORF

, 23.05.2016, 12:49 Uhr / Lesedauer: 2 min
Die Poesie des Verfalls

Durch Bilder aus Sackleinen berühmt: 1956 schuf Alberto Burri dieses Sakko, das Werner Schmalenbach 1966 für die Kunstsammlung NRW erwarb.

Zu seinem 100. Geburtstag im vergangenen Jahr feierte die Guggenheim Foundation in New York den 1995 verstorbenen Künstler mit einer umfassenden Retrospektive. Das ehemalige Ständehaus am Düsseldorfer Schwanenspiegel dient nun als einzige europäische Station der 70 Leihgaben aus amerikanischen und europäischen Museen und Privatsammlungen.

Bunsenbrenner

Der faszinierende Rückblick auf Burris epochales Schaffen hat es in sich. In Düsseldorf wird deutlich, welchen Einfluss der Italiener auf zeitgenössische Tendenzen hatte, die bis heute nachwirken. Auf die arte povera zum Beispiel, die Kunst, mit bescheidensten Materialien zu arbeiten. Mit banalen Abfallprodukten gar. Oder auf das Wagnis, Materialien in ein Bild zu montieren, die in der Malerei nach gängiger Vorstellung nichts zu suchen haben.

Robert Rauschenberg als avanciertester Verfechter der Pop Art hätte ohne Burris Einfluss kaum seine berühmten "Combine Paintings" geschaffen. Zum Bunsenbrenner hat Burri gegriffen, um die poetische Kraft des Feuers zu erkunden, als Otto Piene noch nicht an seine Feuerbilder dachte. Und Fundstücke hat er schon Ende der Vierziger in seine Bilder montiert.

Kunst aus Sackleinen

Sackleinen zum Beispiel. Mit seinen Sacchi, Tableaus aus Sackleinenfetzen, verblüffte er 1959 auf der zweiten documenta in Kassel.

In Düsseldorf ist eine herrliche Serie der bräunlich getönten Sackleinen-Materialbilder auf schwarzem Grund zu sehen mit schrundigen Löchern, verblichenen Schrift- und Farbspuren, Rissen, Fetzen und Verspannungen, die Fäden ziehen. Burri ergründet die Schönheit des Verfalls. Und Spuren von Verletzungen. Der Mediziner fand erst 1943 in amerikanischer Kriegsgefangenschaft in Texas zur Kunst. Und zweifellos hallt in den Verletzungen seiner Bilder der Horror des Krieges nach, den er als Lazarettarzt erlebte.

Provokation

Das Schmutzige, Ruppige und Raue hat er in seinen Arbeiten veredelt. Und es ist kaum ein Zufall, dass er als Einzelgänger und Autodidakt in seiner Farben weitgehend aussparenden Malerei zu radikalen Lösungen fand. In den fast das Dekorative streifenden Bianchi, weißgrundigen Leinwänden, den Legni, angesengten, malerisch anmutenden Collagen aus Furnierhölzern, den Ferri aus zusammenmontierten Stahlblechen und durchsichtigen combustioni plastiche aus zerrissenen und angebrannten Kunststoff-Folien.

Einen Hang zur Provokation verrät die Serie der Muffe, der verblüffend pittoresken Schimmelbilder, deren wuchernder Schimmel in Wahrheit aus gemahlenem Bimsstein, Sand und Pigmenten besteht.

K21 Düsseldorf: "Alberto Burri - Das Trauma der Malerei", bis 3. Juli 2016, Di-Fr 10-18 Uhr, Sa/So 11-18 Uhr, Ständehausstraße 1.