"Die Region hat sich das industrielle Herz bewahrt"

Wirtschaftsförderungs-Chef im Interview

Wenn neue Jobs entstehen sollen, braucht es Bürogebäude, Lagerhallen oder Fabrikflächen. Für Investoren ist die Business Metropole Ruhr (BMR) mit ihrem Chef Rasmus C. Beck erster Ansprechpartner im Ruhrgebiet. Wir haben mit dem BMR-Chef im Interview unter anderem über Neuansiedlungen und Flächenentwicklung gesprochen.

ESSEN

, 06.10.2017, 16:07 Uhr / Lesedauer: 4 min

Über zwei Milliarden Euro waren die gewerblichen Immobilien wert, die 2016 im Ruhrgebiet den Besitzer gewechselt haben. Als Vermittler und erster Ansprechpartner für Investoren fungiert die Business Metropole Ruhr (BMR), die bisherige Wirtschaftsförderung Metropole Ruhr. Benjamin Legrand sprach mit dem Vorsitzenden der Geschäftsführung Rasmus C. Beck über die Schwierigkeiten und Chancen der Region. In dieser Woche präsentierte sich die „Stadt der Städte“ gemeinsam mit den Kommunen auf der Immobilienmesse Expo Real in München.

 

Die Metropole Ruhr präsentiert sich mit 100 Teilnehmern aus Kommunen und Unternehmen auf der Expo Real. Ganz schön unübersichtlich für Investoren?

Ganz und gar nicht. Wir haben eine überwältigende Nachfrage. Die Metropole Ruhr hat ein ausgewogenes Angebots-Portfolio, das jedem Investor etwas bietet: Vom Bürostandort, über Logistik, Wohnen bis zu Neuentwicklungsprojekten bei Bestandsimmobilien. Wir haben mittlerweile einen der größten Stände der Messe.

 

Welche Kernbotschaften des Ruhrgebiets wollen sie vermitteln?

Wir sind die „Stadt der Städte“, ein wachsender Industrie- und Dienstleistungsstandort mit einer urbanen Perspektive von über 5 Millionen Einwohnern und über 150.000 Unternehmen. Das kann so erstmal kein zweiter Standort in Deutschland bieten.

 

Doch so viel Platz für Neuansiedlungen gibt es im Ruhrgebiet gar nicht mehr – trotz aller Brachflächen.

Unser Projekt „Gewerbliches Flächenmanagement“ hat ja einen Überblick über alle gewerblich nutzbaren Flächen der Region. Insofern wissen wir, welche Flächen welche Anbindung, welchen Entwicklungsstand und welche Restriktionen haben. Also beispielsweise, ob Altlasten, nahe Wohnbebauung oder eine fehlende Erschließung vorliegen.

Und unsere Ergebnisse sind da ganz klar: Die Hälfte der möglichen Flächen von rund 2000 Hektar in der Metropole Ruhr sind mit solchen Restriktionen belegt. Von daher ist der Abbau dieser Restriktionen einer der wichtigsten Aufgaben der Wirtschaftsförderung und Stadtplanung in der Region.

 

Mit Restriktionen wie Altlasten gibt es im Ruhrgebiet viel Erfahrung. Was hat sich da verändert, dass es neue Hürden gibt?

Es gibt nicht neue Formen der Restriktionen. Aber die Flächen ohne Restriktionen sind weniger geworden und oft nicht mehr in öffentlicher Hand, sondern in privater. Restriktionsfreie Flächen sind zudem begehrt und gehen deshalb schnell weg. Übrig bleiben oft die Flächen, die nicht sofort marktgängig und mit Problemen behaftet sind.

Dadurch verschärft sich mittelfristig die Situation, dass die öffentliche Hand oft nur noch über Flächen verfügt, die für den Markt nicht ohne hohe Investitionen zu bewegen sind. Fehlt das Geld für Investitionen endet das zugespitzt oft so: Man macht einen Zaun drum und die Leute gehen mit ihrem Hund dort spazieren. Das ist nicht unsere Vorstellung. Industriell nutzbare Flächen sollen auch in Zukunft zeitnah einer industriellen Nutzung zugefügt werden. Denn das schafft dringend benötigte Arbeitsplätze.

 

Wer muss welche Hausaufgaben bei der Flächenentwicklung machen?

Ich möchte nicht, dass der Eindruck entsteht, dass wir im Ruhrgebiet keine Flächen mehr haben. Das ist nicht der Fall. Wir können noch immer die meisten Anfragen von Investoren bedienen. Aber gerade weil wir viel Nachfrage haben, laufen wir mittelfristig in eine Verknappung von bestimmten Flächengrößen in bestimmten Teilen der Region hinein. Da müssen wir Hausaufgaben erledigen: Welche Flächengrößen wollen wir in welcher Reihenfolge mit Hilfe der Kommunen, des Landes, des Bundes und der EU entwickeln?

Die Kommunen brauchen hierbei finanzielle Unterstützung, gerade um Flächen mit Restriktionen zu entwickeln. In Zeiten von Haushaltssicherungskonzepten ist das schwierig.

 

Hohe Gewerbesteuern, hohe Arbeitslosigkeit, negative Rankings: Das Ruhrgebiet schneidet oft nicht gut ab.

Ja, wir haben bei Steuern oder sozioökonomischen Faktoren Werte, die woanders etwas besser sind. Aber das ist kein K.O.-Kriterium für eine Standortentscheidung. Wir sind Deutschlands größte Stadt und die Nachfrage nach Immobilien und Investitionsobjekten ist derzeit hoch. Es geht darum, wie man eine Immobilie – die ja auch immer Renditeobjekt für den Investor ist – da platziert, wo es dauerhaft Wachstum, Innovation und Beschäftigung gibt. Und das ist in einer großen Urbanität mit fünf Millionen Menschen sicherer anzunehmen als in einer viel kleineren Stadt. Insofern wird sich die Metropole Ruhr auf lange Sicht positiv entwickeln, davon bin ich fest überzeugt.

 

Trotzdem hängt die Region im Vergleich zu anderen Regionen hinterher. Andere wachsen ja schneller.

Das würde ich nicht so sagen. Es wurden alleine zwischen 2012 und 2014 insgesamt 47.000 neue Jobs in der Region geschaffen, davon 40.000 in Gewerbegebieten. Wir haben seit Jahren ein konstantes Wachstum der Beschäftigung. Das zeigt, wie wichtig Flächenentwicklung ist. Überall, wo Flächen an den Markt gebracht werden, entsteht etwas Neues: und zwar neue Jobs.

Sicher, das Ruhrgebiet braucht nicht nur eine Beschäftigungssicherung, wir müssen auch darüber hinaus neue Jobs in die Region holen. In diesem Jahr wurden allein in den Leitmärkten – also Branchen, die für besondere Beschäftigungsentwicklung und Möglichkeiten stehen – ein Stellen-Zuwachs von 1,6 Prozent erreicht.

Das sind rund 22.000 neue sozialversicherungspflichtige Jobs. Und damit liegt die Region ziemlich exakt auf Bundes- und Landesdurchschnitt. Und in manchen Teilmärkten, wie Digitale Kommunikation oder Gesundheitswirtschaft haben wir sogar überproportionales Wachstum zu verzeichnen.

 

Das bedeutet trotzdem: Wenn das Ruhrgebiet ein Job-Wachstum von 1,6 Prozent in besonders spannenden Branchen hat, dann ist das immer noch weniger als andere Bundesländer insgesamt haben. Das schwache Berlin hat 4,1 Plus, Bayern hat 2,4.

Absolut. Wir haben natürlich einen immer noch nicht abgeschlossenen Ablösungsprozess von manchen Branchen. Aber in den Zukunftsbranchen haben wir ein überproportionales Wachstum. Insgesamt haben wir im zehnten Jahr in Folge ein positives Beschäftigungswachstum im Revier, das wird viel zu wenig thematisiert.

Ich erinnere daran: Worüber wurde vor sechs Jahren oft kontrovers diskutiert? Das Ruhrgebiet schrumpft. Jetzt wächst es wieder. Es hieß, das Ruhrgebiet schafft die Ablösung von Kohle und Stahl nicht. Als ich selbst beim dortmund-projekt gearbeitet habe, hieß es bei Kritikern oft: Ach, diese Zukunftsbranchen auf der grünen Wiese, das wird nie was.

Heute ist Dortmund bundesweit ein Topbeispiel für gelungene Ansiedlungen von IT und Biomedizin. Wir haben neue Beschäftigungsmotoren wie Logistik, bei denen man früher gesagt hat, das sei doch nur Gabelstaplerfahren. Nein, ohne moderne Logistik funktioniert Industrie 4.0 nicht und wir sind froh, dass wir als Metropole Ruhr ein Hot Spot dafür sind.

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Mittlerweile arbeiten im Ruhrgebiet mehr Menschen in der Gesundheitsbranche als in der Industrie. Was bedeutet diese Zäsur?

Man darf zwei Sachen nicht verwechseln. Eine relative Verteilung sagt noch nicht viel über die absolute Verteilung aus. Es ist richtig, dass der Dienstleistungssektor anteilsmäßig stark gewachsen ist. Aber das entscheidende: Man hat sich im Ruhrgebiet im Gegensatz zu anderen Regionen einen industriellen Kern bewahrt.

Das ist die Wachstumsgrundlage für andere Dienstleistungsjobs drumherum – und das ist auch weiterhin ein entscheidender Standortfaktor für das Ruhrgebiet. Die aktuell 320.000 Industrie-Jobs sind ein Riesenpfund. Wenn man sich die Umsätze ansieht: Da ist richtig Musik drin. In der Industrie findet immer noch eine vielfach stärkere Wertschöpfung als bei Dienstleistungen statt. Die Region hat sich das industrielle Herz bewahrt. Darauf müssen wir im Vergleich zu anderen Regionen stolz sein.