Die Schönheit im Untergrund fotografiert

U-Bahn-Stationen

Wochenlang war Micha Pawlitzki im Untergrund verschwunden. Der Fotograf hat für ein Projekt deutsche U-Bahn-Stationen bei Nacht porträtiert. Deren wahre Schönheit erschließt sich oft erst bei genauem Hinsehen - und ohne die vielen Menschen in der Hektik des Alltags.

DORTMUND

, 23.08.2015, 12:15 Uhr / Lesedauer: 2 min
Die Schönheit im Untergrund fotografiert

Die U-Bahn-Haltestelle Bergwerk Consolidation in Gelsenkirchen.

Nur ein einziger Mensch kann das Bild zerstören. "Deshalb habe ich konsequent ohne fotografiert", sagt Micha Pawlitzki. "So entwickelt sich eine viel größere Dynamik für die Fotos."

Für das Projekt, zu dem bereits ein Bildband erschienen ist und zuletzt ein Kalender, hat der vielfach ausgezeichnete Fotokünstler zunächst die U-Bahn-Netze aller deutschen Städte abgefahren. "Es gibt keine, die ich nicht gesehen habe."

Motiv-Suche

An jeder Station stieg er aus, suchte nach Motiven, schrieb Bücher voll mit seinen Notizen und verschwand meistens schnell wieder im Waggon - so wie Millionen Pendler jeden Tag. "Es ist laut, es stinkt, die Menschen sind in Eile und wollen schnell wieder raus."

Dabei gebe es durchaus viel zu entdecken, sagt Pawlitzki. "Es ist besser als manche Architektur über der Erde."

Urbane Parallelwelt

Der Fotograf wollte die Schönheit der urbanen Parallelwelt im Untergrund festhalten und kehrte nachts mit seiner Kamera zurück - ohne die Pendler in Eile, ohne die Hektik des Alltags. "Ohne Menschen haben die U-Bahn-Stationen etwas Überraschendes", sagt Pawlitzki.

Diesen Blick auf Details und auf winzige Merkmale hält er auf seinen Fotos fest: das Spiel mit dem Licht, Symmetrien, urbane Architektur, Kunst im öffentlichen Raum. Alles wirkt oft surreal. "Die Städte geben mittlerweile sehr viel Geld für die Gestaltung von U-Bahn-Stationen aus", sagt Pawlitzki.

Knallrote Rohre

Sie sind zu einem Imageträger geworden und mehr als nur ein Teil der Infrastruktur - etwa in Duisburg, wo Gerhard Richter, der am teuersten gehandelte Künstler der Gegenwart, eine Station gestaltet hat.

Auch Dortmunder Haltestellen hat Pawlitzki porträtiert: Westfalenhallen ("Ein richtig cooles Deckengewölbe"), Unionstraße ("Eine gewagte Architektur mit tollen Mosaiksteinen an den Wänden"), Reinoldikirche ("Ein schöner Treppenaufgang"), Polizeipräsidium ("Die Spiegel an der Decke machen es fotografisch reizvoll"), Brunnenstraße ("Auf den ersten Blick fad, aber sehr puristisch und kühl").

Schönste Haltestelle

Die vielleicht schönste westfälische U-Bahn-Station stehe jedoch in Gelsenkirchen, findet Pawlitzki: Bergwerk Consolidation. "Sie ist puristisch und extrem unauffällig." Durch knallrote Rohre an der Wand habe sie etwas sehr ästhetisches. "Die kleinen Merkmale sind das Spannende", sagt Pawlitzki.

Micha Pawlitzki: "Unter Grund: U-Bahn-Stationen in Deutschland", Edition Panorama, 48 Euro, ISBN 978-3-8982-3460-3.

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