Die Schule der spitzen Winkel

Scharoun-Bau in Marl saniert

Die Marler Scharoun-Schule, 1969 fertiggestellt, gilt als Ikone der modernen Architektur. Mit der Zeit ist das Gebäude heruntergekommen. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts stand es vor dem Abriss. Doch es regte sich Widerstand. Jetzt ist die Schule denkmalgeschützt und saniert.

MARL

, 12.08.2015, 18:53 Uhr / Lesedauer: 2 min
Die Aula der Scharoun-Schule während der Sanierung. Um die Decke zu erreichen, war ein Spezialkran angerollt.

Die Aula der Scharoun-Schule während der Sanierung. Um die Decke zu erreichen, war ein Spezialkran angerollt.

1960 – nachdem er beim Architektenwettbewerb für das Rathaus der Stadt Marl auf Platz zwei gelandet war – erhielt der Architekt Hans Scharoun (1893-1972) den Auftrag, eine Schule an der Westfalenstraße zu bauen.

Rund zehn Jahre später war auch das letzte Detail fertig: der letzte schiefe Winkel, die letzte wabenförmige Schulwohnung und auch die Aula, liebevoll als „kleine Schwester“ der von Scharoun entworfenen Berliner Philharmonie bezeichnet.

„Wenig ist rational“

Die Atmosphäre im Gebäude ist „weit weg vom Behördenflur“, sagt Architekt Jörg Preckel. „Wenig ist rational.“ Viel ist inspirierend. Der Formsprache, so Preckel, liegt pädagogisches Denken zugrunde.

Doch der Zahn der Zeit hat an der Schule genagt. Sie verkam immer mehr, stand zeitweise leer. Die Natur eroberte sich Räume zurück. Manchen Raum, schildert Preckel, schloss man einfach ab, als er zu grün wurde. Sich mit Botanik füllte. Eine Sanierung war zunächst nicht in Sicht. Es fehlte das Geld.

Viele Marler Politiker, die den Namen Scharoun „nicht kannten“, wie es Preckel vorsichtig formuliert, wollten das Gebäude am liebsten schnellstmöglich abreißen. Viele Bürger waren dagegen. Dann kam der damalige NRW-Bauminister Oliver Wittke. Und der sagte: Das Ding wird saniert und gefördert.

Grünes Licht

2003 beauftragte die Stadt Marl das Münsteraner Architekturbüro Pfeiffer Ellermann Preckel mit einem Gutachten. Sie wollte wissen, was eine denkmalgerechte Sanierung an Kosten mit sich bringen würde – denn 2004 sollte das Schulgebäude in die städtische Denkmalliste aufgenommen werden. Fünf Jahre später dann grünes Licht: Preckel und seine Kollegen bekamen den Sanierungsauftrag.

Die Zukunft der Schule war gesichert – auch dank Fördermitteln des Landes NRW zur Stadterneuerung und zur energetischen Sanierung (6,9 Millionen Euro). Der Eigenanteil der Stadt Marl lag bei 3,6 Millionen Euro. Die Sanierung der Schule mit ihrer komplexen Gebäudestruktur und Formensprache und den massiven Schäden war „eine außerordentliche anspruchsvolle Aufgabe“, betont Preckel.

Die Herausforderung: Alle Vorgaben zur geplanten Nutzung als Grund- und Musikschule berücksichtigen und gleichzeitig dem Denkmalschutz und den Förderungsbedingungen gerecht werden. „Da wurde um jeden Schritt, um jeden Fleck der Schule gerungen“, erinnert sich Preckel.

Spezialisten gefragt

Den Denkmalpflegern war es wichtig, visuelle Veränderungen auf ein Minimum zu beschränken. Es galt, mit 80 Prozent der Originalsubstanz respektvoll umzugehen. Zuweilen brauchte es da detektivischen Spürsinn. Viele Materialien, die zu Lebzeiten Scharouns üblich waren, werden heute nicht mehr verwendet. Hier waren Spezialisten gefragt, mitunter Hersteller im Ausland. Fachrestauratoren entfernten derweil Farbschichten und erforschten die ursprünglichen Wandfarben, um sie zu rekonstruieren.

Am Schluss stellte die Sanierung der Aula Planer und Handwerker noch einmal vor eine Herausforderung: Für den neuen Anstrich der Decke musste ein Spezialkran anrollen. „Scharouns Schulkonzept funktioniert 1969 wie 2015“, sagt Preckel. „Es ist wie bei einem guten Stück Musik.“

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