„Die Verwandlung“ spielt ohne Käfer, aber mit Puppen

Schauspielhaus Bochum

Einen Käfer gibt es in dieser Inszenierung genauso wenig zu sehen wie auf dem Titel der ersten Buchveröffentlichung von Kafkas Erzählung "Die Verwandlung" 1915. Regisseur Jan-Christoph Gockel versucht in den Bochumer Kammerspielen mit einer ganz anderen Bildsprache, das Unbehagen umzuwandeln, das Kafkas Leser überkommt. Dabei helfen ihm auch Puppen.

BOCHUM

, 30.10.2016, 17:07 Uhr / Lesedauer: 1 min
„Die Verwandlung“ spielt ohne Käfer, aber mit Puppen

Nils Kreutinger spielt Gregor Samsa in der Bochumer Kafka-Inszenierung „Die Verwandlung“.

Dass man das "ungeheure Ungeziefer", in das Protagonist Gregor Samsa sich verwandelt sieht, als Metapher betrachten sollte, damit haben sich viele Schülergenerationen schwergetan. Bei Jan-Christoph Gockel in den Kammerspielen ist Gregor Samsa ein plötzlich aus dem Leben Gefallener. Vielleicht ein Burn-out-Kranker, vielleicht Opfer familiärer Gewalt, ziemlich wahrscheinlich ein depressiver Mensch, der keine Kraft mehr hat, aus dem Bett zu steigen.

Verwundet und verängstigt

Nils Kreutinger spielt ihn verwundbar, längst verwundet, wenn der Vater den Apfel wirft, Symbol des Lebens, der ihm im Fleisch stecken bleibt und ihn tötet. Er spielt ihn wunderbar verängstigt, schaudernd über die Schrecken der eigenen Existenz.

Schauerkabinett

Seine Wohnung, die eigene Familie, ist ihm ein Schauerkabinett auf vier Ebenen geworden. Für einige ist er zu klein, für andere viel zu groß. Am Frühstückstisch ist seine Familie zu Puppen geschrumpft. Aus Versehen beschädigt Samsa, der als einziger Mensch geblieben ist, den Prokuristen, stößt ihn einfach vom Bühnenelement.

Die Puppen von Michael Pietsch repräsentieren die Figuren, legen tiefer liegende psychologische Schichten frei und werden von den Schauspielern erstaunlich gut geführt. Aufgesetzt wirken allerdings Szenen, in denen Pietsch völlig freien Lauf bekommt und ziemlich platt auf die Meta-Ebene der Kafka-Interpretation wechseln darf.

Termine: 2./6./11./ 26.11.; Karten: Tel. (0234)33335555.