Die Zeit, die Zeit

Martin Suter

Was wäre, wenn es Zeit gar nicht gäbe? Wenn es nur Veränderungen gibt. Dann bräuchte man bloß die Veränderungen rückgängig machen, um die Vergangenheit zu beeinflussen. Der neue Roman von Martin Suter erzählt die Geschichte zweier Witwer, die die Zeit so austricksen wollen. Um den Tod ihrer Frauen zu verhindern.

von Von Sabine Müller

, 03.09.2012, 14:13 Uhr / Lesedauer: 2 min
Die Zeit, die Zeit

Oberflächlich betrachtet handelt "Die Zeit, die Zeit" vom Bau einer Zeitmaschine. Nur dass diese keinen Motor und keine blinkenden Datumstafeln braucht. Der 82-jährige Knupp versetzt mit krankhafter Akribie sein Haus, seine Straße und auch sich selbst zurück an einen ganz bestimmten Tag vor 21 Jahren. Anhand von Fotos legt er die Falten der Bettdecke zurecht, tauscht die Pflanzen im Garten gegen jüngere aus, lässt die Fassaden in den früheren Farben verputzen, geht zum Schönheitschirurgen, um sein Gesicht zu straffen. Er will zu dem Tag zurück, als er und seine Frau über ihren Urlaub entschieden. Nepal oder Kenia? Sie wählten Kenia. Knupps Frau erkrankte an Malaria und starb.Hochspannendes Experiment

Um einen Moment aus der Vergangenheit exakt nachzustellen, damit die Zeit aufzuheben und eine neue Wahl zu treffen, braucht Knupp Hilfe. Er wählt seinen Nachbarn Peter Taler, auf den auch Martin Suter seinen Fokus richtet. Talers Frau wurde vor einem Jahr vor der Haustür scheinbar grundlos erschossen. Die Polizei scheint die Suche nach dem Mörder eingestellt zu haben, doch Taler fahndet auf eigene Faust. Suter zeigt ihn in all seinen verzweifelten Versuchen, den Tod zu rächen, zu negieren. Taler stellt weiterhin zwei Teller zum Abendbrot hin, lässt Zigaretten im Ascher glimmen, weil seine Frau geraucht hat. Wie groß muss der Schmerz sein, wenn er sich sogar auf das verrückte Zeit-Experiment von Knupp einlässt?Traurige Geschichte

Im Grunde ist es eine traurige Geschichte über Leere und Seelenleid. Die auch Autobiografisches spiegelt, ohne es den Leser merken zu lassen. Suter hat vor drei Jahren selbst ein tragisches Schicksal erlitten: Sein dreijähriger Adoptivsohn erstickte an einem Bissen in der Luftröhre.

In die geschickt konstruierte Science-Fiction-Nummer verpackt Suter hier nun auch die Hoffnung, irgendwann werde alles wieder gut. Und wer den eleganten, schlitzohrigen Erzähler kennt, weiß, dass er am Ende einen Haken schlägt und mit ein paar Sätzen das Gefüge auseinander reißt. Ein Buch, das man verschlingt.

Martin Suter: Die Zeit, die Zeit, Diogenes, 21,90 Euro, ISBN 978-3-257-06830-6.