Die zwei Tode des Enver Simsek

WLT: "Schmerzliche Heimat"

Eins, zwei, drei, vier - neun Schüsse dröhnen über die dunkle Bühne. Abgefeuert wurden sie auf den Blumenhändler Enver Simsek, 1999 in Nürnberg. Er war das erste Opfer in der Serie der NSU-Morde, deren Brutalität in diesem neunfachen Knall schrecklich spürbar wird.

CASTROP-RAUXEL

, 19.10.2014, 13:56 Uhr / Lesedauer: 1 min
Die zwei Tode des Enver Simsek

Der Blumenhändler Simsek (Neven Noethig) und seine Frau (Susanne Kubelka).

Die Mörder haben den Sterbenden fotografiert, wie man später erfuhr, als die Terrorzelle aufflog. Dazwischen lagen elf Jahre, in denen Enver Simsek einen zweiten Tod starb, durch Rufmord. Elf Jahre, in denen seine Familie durch die Hölle ging. War der Vater kriminell? Ein Drogenkurier der türkischen Mafia?

"Schmerzliche Heimat" feierte am Freitag Premiere am Westfälischen Landestheater (WLT): ein Schauspiel nach den Erinnerungen von Semiya Simsek (Envers Tochter), das eine unsägliche Hexenjagd rekonstruiert. Es ist auch die Geschichte von Ignoranz, Versagen auf Seiten der Ermittler.Das Leid einer Familie

Doch im Zentrum steht das Leid einer Familie, die durch haltlose Verdächtigungen seelisch zermartert wurde. Christian Scholze hat Semiya Simseks Buch für die Bühne bearbeitet und den Stoff in Kooperation mit dem Theater Hof in Szene gesetzt. Ein großer Wurf. Klug, aufklärerisch, rührend und erschütternd.

Auf karger Bühne (von Imme Kachel) agieren drei bemerkenswert gute Darsteller. Neven Noethig spielt den Blumenhändler, dazu nassforsche, mitleidlose Polizisten, die Envers Frau (Susanne Kubelka) in die Mangel nehmen: "Wir wissen, dass Ihre Brüder hinter dem Mord stecken!"

Semiya (Susanne Mucha) wird in der Schule verhört, die Folgen für eine 14-Jährige sind verheerend. Führte der Vater ein kriminelles Doppelleben? Mutter, Tochter, Familie stehen vor dem Kollaps. Alle Träume von Zukunft und Geborgenheit, hier schön illustriert, sind geplatzt.

Das Porträt einer Familie und eines Landes, das Zuwanderer mit Kälte und Misstrauen abspeist. Manchmal brauchen wir das Theater, um zu verstehen, wie beschämend borniert wir ticken. Ein großartiges, wichtiges Stück.