Dirigent Jan Klare spricht über Domicil-Orchester The Dorf

Interview

Das 30-köpfige Ensemble The Dorf ist ein Experiment: 2006 im Domicil als eine Art monatliche Jam-Session gegründet, ist es immer noch kein richtiges Orchester, keine richtige Band, und auch die Musik ist schwer in Worte zu fassen. Am Donnerstag tritt The Dorf wieder im Domicil auf. Im Interview mit Tilman Abegg spricht Gründer und Leiter Jan Klare über seine Sicht auf die Musik.

DORTMUND

von Von Tilman Abegg

, 25.09.2013, 02:46 Uhr / Lesedauer: 3 min
Seine Art zu dirigieren, sagt Jan Klare, sei wie ein Stein, den er ins Wasser fallen lässt: "Ich gebe Impulse, und das Orchester reagiert."

Seine Art zu dirigieren, sagt Jan Klare, sei wie ein Stein, den er ins Wasser fallen lässt: "Ich gebe Impulse, und das Orchester reagiert."

Mal nachdenken. Die Größe der Band sagt schon viel aus über die Musik. Auch, dass wir Stücke spielen und nicht völlig frei improvisieren. Stilistisch hat es viel mit Klangflächen zu tun, mit Wiederholungen, mit dem Versuch, das Zuhörergehirn zu manipulieren und abzuholen.

Es ist eine große Band, die total viel Spaß macht. Laut und mit sehr guten Musikern. Es ist ein großes Spektakel.

Nach wie vor laut, fast immer zwei Schlagzeuge, drei Gitarren, zwei bis drei E-Bässe, Elektronik, zwei Sängerinnen, die aber keine Texte singen, sondern mehr als Instrumentalisten in den Bläsersatz integriert sind.

Da passt das Dorf-Bild sehr gut. Jeder hat seine Parzelle abgesteckt. Niemand wird zum Sklaven der Note, jeder drückt seine Persönlichkeit aus. Ich sehe die Band mehr, als dass ich sie höre. Ich sehe die Leute, die Köpfe, und wie sie kommunizieren.

Die Band ist eine Art Naturgewalt, ein Energiefluss, den ich bündle. Wie ein Meer oder ein Vogelschwarm und ich bin mal Wind, mal Gegenwind. Ich gebe Impulse und das Orchester reagiert, jeder Musiker auf seine Weise.

Meine erste Platte in den 70ern war eine von T-Rex – Glam-Rock, Teenie-Kram –, die zweite war eine Klaviersonate von Beethoven. Ich hab als Kind ein bisschen Klavier gelernt, bisschen Querflöte, bisschen Posaune, bisschen Trompete, hab in Posaunenchören sonntags in der Kirche gespielt in Hagen-Hohenlimburg, wo ich aufgewachsen bin. Ursprünglich hat mich Rock und Pop angesprochen, Jimi Hendrix, dann war ich relativ schnell bei King Crimson und Krautrock, das war in der Zeit ganz groß.

Bei Jimi Hendrix kann man das nicht so sagen, das ist ein Phänomen für sich. Aber im Krautrock waren das Improvisationselement und das freie Spiel ziemlich wichtig. Mit 20 habe ich mit Saxofon angefangen. Dann stellte sich so langsam die Frage, wo das Geld herkommen soll. Da musste ich unterrichten, also funktionale Musik spielen können, das Handwerk des Instruments vertiefen. Über das Instrument bin ich zum klassischen Jazz gekommen. Das ist fantastische Musik zum Teil, aber das war für mich eher ein Studienobjekt.

Das würde ich nur bedingt sagen. Meine Ex-Frau lebte dort, so bin ich dahin gekommen, und wohne immer noch gern dort. Eine reiche Stadt mit viel Geld für Kultur. Es ist dort allerdings sehr sauber, das muss man leider zugeben...

Es ist ein bisschen steril. Es fehlt mir im kulturellen Leben die Verbundenheit unter den Menschen, hier in Dortmund ist es direkter und herzlicher. Münster setzt sehr auf Tourismus, auf Außenwirkung. Es gibt da nicht so einen Sumpf, so einen gewachsenen Austausch zwischen den Leuten, die sich ausprobieren. Insofern stimmt es vielleicht, dass Dortmund jazziger ist. In Münster gibt es weniger Untergrund.

Es ist akademisierter, könnte man sagen.

Ich bin immer noch der Leiter, aber die Kollegen engagieren sich mehr und mehr, die Auftritte außerhalb des Domicils nehmen zu. Wir überlegen gerade, wie wir uns jetzt organisieren. Wenn wir mit 30 Leuten irgendwo spielen, kommt für 30 Leute Gage rein, die irgendwie verwaltet werden muss. Einerseits hat es was für sich, das weiter im kleinen und unkomplizierten Rahmen zu machen, außerdem wird es sich finanziell sowieso nie lohnen. Dass wir im Domicil keine Gage bekommen, ermöglicht es uns, sehr frei zu spielen. Wir müssen niemanden außer uns selbst zufriedenstellen. Andererseits ist es fantastisch, große Konzerte vor 2000 Leuten zu spielen.

Nein. Es gibt was zu essen, und ich zahle die Fahrtkosten. Das ist die Grundlage dieser Arbeit.

Genau, das ist die Frage. Weil es tierisch Spaß macht. Es geht nur um die Musik. Das Primärabenteuer, wie früher mit Freunden in der Garage. Es ist völlig okay, wenn ich regelmäßig Musik für Geld mache, das muss ich ja, und das will ich auch gut machen. Aber das ist nicht mein Herz, The Dorf schon. The Dorf ist wie ein Heiligtum, bei dem man mit Geld vorsichtig sein muss.

Das wird ein Spezial-Ding. Da kommen zehn Jugendliche aus dem Kongo, die Fanfare Masolo heißen. Jugendliche, die Straßenkinder oder Kindersoldaten waren, eine Art Projekt zur Resozialisierung. Nur Blechblasinstrumente. Das wird spannend. Erst spielen wir zusammen, danach The Dorf alleine. Wahrscheinlich nichts, was man auf CD brennen kann, sondern eher ein Spektakel.