Discounter tritt Tierschutzinitiative bei: Aldi denkt bei Masthuhnhaltung um

Discounter

Die industrielle Masthuhnzucht steht schon lange in der Kritik, grausam und gesundheitsschädlich zu sein. Die Discounter Aldi Nord und Aldi Süd wollen jetzt mithelfen, das Elend zu beenden.

von Daniel Killy

, 02.11.2020, 17:57 Uhr / Lesedauer: 3 min
Der Discounter Aldi möchte mit seinen beiden Unternehmen Aldi Nord und Aldi Süd der Europäischen Masthuhninitiative beitreten. (Symbolbild)

Der Discounter Aldi möchte mit seinen beiden Unternehmen Aldi Nord und Aldi Süd der Europäischen Masthuhninitiative beitreten. (Symbolbild) © picture alliance / dpa

Der Discounter Aldi möchte mit seinen beiden Unternehmen Aldi Nord und Aldi Süd der Europäischen Masthuhninitiative beitreten. Das teilten die Unternehmen am heutigen Montag in einer gemeinsamen Pressemitteilung mit. Damit wolle man dazu beitragen, die häufig qualvollen Haltungsbedingungen von Masthühnern zu verbessern. Bis 2026 sollten die Maßnahmen umgesetzt werden.

25 Tiere auf einem Quadratmeter

Gegenwärtig teilt sich nach Auskunft von Tierschützern ein Masthuhn mit durchschnittlich 25 weiteren Tieren die Fläche von einem Quadratmeter. Beleuchtung und Durchlüftung gibt es kaum. Zur Aufzucht würden vorwiegend schnell wachsende Rassen genutzt. Diese Tiere wachsen laut Tierschützerangaben so schnell, dass ihre Knochen häufig unter dem Eigengewicht brechen.

Zusätzlich werden die Tiere mit häufigen Medikamentengaben (Antibiotika) behandelt, was unter anderem zur Entwicklung multiresistenter Keime beitragen kann. In der nur 39 Tage währenden Mastzeit erfolgt an zehn Tagen eine Antibiotikagabe. Getötet würden die Tiere kopfüber teilweise in einem Elektrowasserbad, was erhöhten Stress für die Tiere bedeute.

Wie die „Süddeutsche Zeitung“ (SZ) berichtet, wurden nach Recherchen des ZDF-Magazins „Frontal“ bei Stichproben in 25 Prozent aller verpackten Fleischportionen in Deutschland und Polen die sogenannten MRSA-Keime entdeckt. Das MRSA-Bakterium (Methicillin-resistenter Staphylococcus aureus) kann bei immungeschwächten Patienten zu schweren Lungenentzündungen oder Blutvergiftungen führen.

Zuvor hatte laut „SZ“ die Umweltorganisation Germanwatch im August und September bei Aldi Nord und Lidl in fünf europäischen Ländern Hähnchenfleisch gekauft. Das Institut für Medizinische Mikrobiologie der Universität Bochum untersuchte anschließend Proben davon und fand heraus: Mehr als die Hälfte aller Proben waren mit antibiotikaresistenten Keimen verunreinigt.

Genugtuung bei Tierschützern

Nach Angaben der Albert Schweitzer Stiftung, einem Mitglied der Europäischen Masthuhninitiative, stammen fast alle hierzulande im Handel erhältlichen Hühner aus der Massentierhaltung. Dementsprechend euphorisch reagieren die Tierethiker auf die Entscheidung von Aldi. „Die Albert Schweitzer Stiftung und ihre Partnerorganisationen arbeiten daran, die Masthuhninitiative zum flächendeckenden Standard zu machen. Durch Aldis Selbstverpflichtung rückt dieses Ziel ein großes Stück näher. Denn der Lebensmitteleinzelhandel spielt dabei als wichtiger Abnehmer von Hühnerfleisch eine Schlüsselrolle. Die Discounter festigen damit ihre Rolle als Tierschutzpioniere im Einzelhandel wie einst bei der Auslistung von Käfigeiern.“

Die Europäische Masthuhninitiative ist eine Selbstverpflichtung für mehr Tierwohl, die von europäischen Tierschutzorganisationen ins Leben gerufen wurde. Sie enthält strenge Anforderungen an die Masthühnerhaltung, wie etwa geringere Besatzdichten und Sitzstangen. Nach eigenen Angaben ist Aldi der erste große Lebensmittelhändler in Deutschland, der die Europäische Masthuhninitiative unterstützt.

Joachim Wehner, Sprecher von Aldi Nord, sagt gegenüber dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND): „Das ist ein großer Schritt in Richtung tiergerechte Haltung – sowohl, was den individuellen Platz der Tiere, die Gestaltung der Ställe, als auch die Umstellung auf langsam wachsende Rassen anbelangt.“ Die verbesserten Maßnahmen sollen laut Aldi „auf der vollständigen Umstellung des gesamten Hühner-Frischfleisch-Sortiments sowie gefrorener Naturhühnerprodukte liegen“.

„Wir haben uns entschlossen, jetzt ein Zeichen zu setzen“

Allerdings brauche solch eine Entwicklung Zeit und Überzeugungskraft. „Wir werden die Gespräche mit unseren Lieferanten fortführen, um die neuen Standards gemeinsam zu verwirklichen. Dabei müssen wir alle an einem Strang ziehen, um mehr Tierwohl zu erreichen. Es gilt, andere Marktteilnehmer mitzunehmen wie auch die Lieferanten. Das Ganze ist ja ein Prozess, den wir schon länger angestoßen haben und der auch noch etwas Zeit in Anspruch nehmen wird. Aber wir haben uns entschlossen, jetzt ein Zeichen zu setzen“, sagt Wehner.

Rund 350 Unternehmen, darunter Nestlé und Unilever, haben sich bereits der Europäischen Masthuhninitiative angeschlossen. Einer der größten Zulieferer von Aldi jedoch, die Wiesenhof-Gruppe, steht dem Vorhaben dem Vernehmen nach eher kritisch gegenüber. Wehner: „Da müssen wir noch Überzeugungsarbeit leisten. Wir sind allerdings schon seit dem Jahr 2016 im Austausch. Wir werden Ausschau halten, wo wir noch für mehr Tierwohl sorgen können. Wir brauchen dabei allerdings auch die Unterstützung der Politik und aller Marktteilnehmer – auch die Landwirte müssen für diesen Mehraufwand honoriert werden.“

Peter Wesjohann, Vorstandsvorsitzender der PHW-Gruppe, dem Mutterkonzern von Wiesenhof, erklärte gegenüber dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) auf Nachfrage: „Wenn einzelne Kunden auf das Tierwohlkonzept der Europäischen Masthuhninitiative umstellen möchten, wird die PHW-Gruppe dieser wachsenden Nachfrage im Rahmen ihrer Aufzuchtkapazitäten selbstverständlich nachkommen.“

Lesen Sie jetzt