Dokumentarfotografie junger Künstler im Museum

Unbekannte Welten

Dokumentarfotografie zwischen Inszenierung und Wirklichkeit zeigt das Kunstmuseum Bochum in seiner neuen Ausstellung. Die Bilder stammen von vier jungen Künstlern, die mit ihren Werken Einblicke gewähren in Welten, die dem Bochumer bisher kaum bekannt sein dürften.

BOCHUM

von Von Angela Wiese

, 24.11.2011, 13:55 Uhr / Lesedauer: 2 min

Amerikanische Eliteuniversitäten, der Berliner Stadtteil Wedding, die winzige Inselgruppe Dokdo zwischen Japan und Korea, transsexuelle Menschen im Iran. Es sind nicht nur vier sehr unterschiedliche Themen, die die Träger des achten Förderpreises Dokumentarfotografie der Wüstenrot Stiftung im Museum zeigen. Die Herangehensweisen sind mindestens genauso unterschiedlich. Ein Beispiel: Tanja Jürgensen. In ihrer Bilderreihe „Centres of Excellence“ zeigt sie das Innere amerikanischer Top Universitäten. Mehr und mehr richte sich auch das deutsche Bildungssystem auf Elitenbildung aus. In den USA sei diese Entwicklung schon abgeschlossen, Jürgensen wollte wissen, wozu sie geführt hat. Und so zeigen ihre Portraits junge amerikanische Studenten.

Gut angezogen, vor holzgetäfelten Wänden, an alten, edlen Schreibtischen. Arrogant in die Kamera blickend oder zielgerichtet in eine andere Richtung. Klischees? Ja, sagt Jürgensen. Sie hat entschieden, wie wo und in welcher Kleidung die Studenten fotografiert werden. Ihre Bilder spiegeln deutlich wider, dass sie mit einem politischen und gesellschaftlichen Ansatz an die Arbeit gegangen ist. Weniger politisch, dafür sehr persönlich ist Maziar Moradis Fotoserie „Was wir sind“. Sie handelt vom Leben iranischer Transsexueller. Auch diese Portraits sind inszeniert, sogar noch stärker. Menschen in dramatischen Posen, Nahaufnahmen von weinenden Gesichtern. Viele der Fotos sind dunkel gehalten, atmosphärisch und gefühlvoll. Moradi bildet nicht Wirklichkeit im eigentlichen Sinne ab, sondern verarbeitet die persönlichen Eindrücke, die er in monatelanger Zusammenarbeit mit den drei Betroffenen gewonnen hat. Auch Moradis Bilder laden zum langen Blick auf die Menschen ein, zum Nachdenken und spekulieren, was in ihren Köpfen vorgeht.

Weniger Inszenierung und mehr Dokumentation leisten die Werke von Kim Sperling und Mathias Königschulte. Letzterer hat sich auf Ortserkundung in der eigenen Stadt, in Berlin, begeben und den Stadtteil Wedding dokumentiert. Die kleinformatigen Fotos erzählen seine Geschichte. Panoramaformate hat dagegen Kim Sperling von der Inselgruppe Dokdo mitgebracht. Der Grund: Er wollte die wenigen Menschen, die auf dieser schwer zu erreichenden Inselgruppe leben, mit möglichst viel von ihrer Umgebung dokumentieren. Die Ausstellung mit den Werken der Förderpreisträger ist lohnenswert. Nicht zuletzt, weil sie hält, was sie verspricht: Sie eröffnet neue Sichtweisen auf uns unbekannte Orte. 

Förderpreis
Die Wüstenrot Stiftung vergibt den Dokumentarfotografie Förderpreis alle zwei Jahre an jeweils vier Künstler. Damit verbunden ist ein Stipendium in Höhe von je 10 000 Euro, eine Wanderausstellung und ein Begleitkatalog. Die Werke der achten Preisverleihung sind in Bochum noch bis zum 5. Februar 2012 im Kunstmuseum, Kortumstraße 147, zu sehen.