Diese Website verwendet Cookies. Cookies gewährleisten den vollen Funktionsumfang unseres Angebots, ermöglichen die Personalisierung von Inhalten und können für die Ausspielung von Werbung oder zu Analysezwecken gesetzt werden. Lesen Sie auch unsere Datenschutz-Erklärung

Hier finden Eltern Hilfe, deren Kinder besonders sensibel sind

Hochsensible Kinder

Hochsensible Kinder haben es im Kindergarten- und Schulalltag oft nicht einfach. Darunter leiden auch die Eltern. Rat finden sie in der Psychologisch-pädagogischen Beratungsstelle in Oespel.

Oespel

, 30.01.2019 / Lesedauer: 4 min
Hier finden Eltern Hilfe, deren Kinder besonders sensibel sind

Hochsensible Kinder leiden oft unter den Reizüberflutungen im Kindergarten oder in der Schule und ziehen sich dann zurück. Dieses Foto zeigt eine gestellte Sezne © Beate Dönnewald

Immer mehr Eltern von hochsensiblen Kindern suchen die Psychologisch-pädagogische Beratungsstelle des Christlichen Jugenddorfs (CJD) in Oespel auf. Über diese neue Entwicklung sprachen wir mit der Leiterin Birgit Schütte, die unter anderem Familien- und Lerntherapeutin ist.

Ursprünglich haben Sie ja vor allem Eltern von hochbegabten Kindern beraten. Jetzt sind es vermehrt Eltern mit hochsensiblen Kindern. Wie kam es dazu?

Das hat sich aus der Hochbegabten-Beratung ergeben. Wir sind darauf gekommen, weil Eltern von speziellen Problemen in der Schule oder im Kindergarten erzählt haben, die sie sich nicht erklären konnten.

Hängen Hochsensibilität und Hochbegabung also zusammen?

Nicht immer. Wir haben auch Eltern in der Beratung, deren Kinder nicht hochbegabt sind. Die Wissenschaft geht davon aus, dass 15 bis 20 Prozent aller Menschen hochsensibel sind, zwei Prozent gelten als hochbegabt. Also können gar nicht alle Hochsensiblen auch hochbegabt sein.

Was versteht man eigentlich unter Hochsensibilität?

Bei hochsensiblen Menschen sind ihre Sinne besonders scharf ausgeprägt. Jeder Mensch ist aber individuell hochsensibel. Die einen sind sensitiv in allen, andere nur in einigen Bereichen. Es gibt zum Beispiel Geschmacks-, Geruchs-, Haut- oder Lärmempfindlichkeiten. Viele reagieren sehr emotional, ihnen kommen schnell die Tränen, sie sind sehr empathisch, sie sind sehr schnell berührt und angerührt. Aber es muss eben nicht immer alles sein. Es gibt keine einheitliche Definition.

Wie kann man Hochsensibilität überhaupt feststellen?

Das Erleben und Erzählen der Eltern spielen die wichtigste Rolle, um von einer Hochsensibilität ausgehen zu können. Es handelt sich um keine Diagnose, sondern um die Wahrnehmung und das Erleben des Einzelnen. So erklärt man es auch den Eltern, nachdem ein Fragebogen ausgefüllt wurde.

Sie haben einen erhöhten Beratungsbedarf von Eltern mit hochsensiblen Kindern festgestellt. Können Sie Zahlen nenen?

Ja. 80 Prozent der Ratsuchenden kommen mittlerweile auch mit dem Thema Hochsensibilität zu uns.

Wahrscheinlich geht es in erster Linie um Problem im Schul- und Kindergartenalltag, oder?

Genau, dort ist vor allem die Reizüberflutung aufgrund der größeren Gruppen, in denen sich die Kinder bewegen müssen, ein Problem. Denn ein hochsensibles Kind wird sich von alleine meistens nur mit einem Kind bis drei Kindern umgeben. Es gibt aber durchaus auch Hochsensible, die damit klarkommen. Treten diese Probleme auf, wird oftmals zuerst ein Autismus vermutet. Weil es tatsächlich einige Verhaltens-Parallelen gibt, müssen Eltern diesen Verdacht ausschließen lassen.

Wie reagiert ein hochsensibles Kind auf die Reizüberflutung in Schulen und Kindergärten?

Unterschiedlich, entweder mit Rückzug oder mit Aggressivität. Sie fangen dann an zu schreien oder zu weinen. Ihre Aggression richtet sich aber nicht gegen andere, weil sie oft einen hohen Gerechtigkeitssinn haben.

Was raten Sie Eltern und Erziehern?

Zum Beispiel, seinen Rückzug zu akzeptieren, weil er für das Kind eine Schutzmaßnahme darstellt. Es darf sich in eine ruhige Ecke zurückziehen, das ist ganz wichtig. Und es ist gar nicht schlimm, wenn Kinder nur wenige Freunde haben. Doch Kinder müssen oft funktionieren und zum Beispiel in einer großen Gruppe mitspielen. Dadurch entsteht Überforderung und letztlich Aggression. Wenn man das ausbremst, würden manche Probleme erst gar nicht entstehen und die Kinder nicht so hochfahren.

Hier finden Eltern Hilfe, deren Kinder besonders sensibel sind

Die Sozialarbeiterin Birgit Schütte (55) leitet die Psychologisch-pädagogische Beratungsstelle des CJD und berät unter anderem zum Thema Hochsensibilität. © Stefan Kottkamp/CJD

Gibt es auch den umgekehrten Fall, dass die Kinder auswärts klar kommen und zu Hause Dampf ablassen?

Ja, denn viele spüren, dass sie in dem System, in dem sie unterwegs sind, funktionieren müssen. Und dann funktioniert es dort auch super, und zu Hause geht die Post ab.

Das heißt?

Das Kind schreit, kratzt, tritt, beißt. Das müssen Eltern dann kanalisieren und ihrem Kind Möglichkeiten zum Abreagieren bieten: Hier ist der Boxsack, oder da ist das Kissen, wo du mal reintrommeln kannst. Die wichtigste Maßnahme besteht aber darin, dem hochsensiblen Kind Verständnis entgegenzubringen.

Also ist es sehr hilfreich, wenn die Hochsensibilität möglichst früh festgestellt wird?

Ja, denn es ist für alle Beteiligten eine Erleichterung, wenn herausgefunden wurde, was los ist. Als Hochsensibler zu wissen, dass es Normalität ist, dass er so empfindet und dass er so tickt, ist schon eine große Entlastung.

Können Betroffene Strategien lernen, um besser im Alltag klarzukommen?

Sich zwischendurch mal rauszuziehen und eine Pause zu machen, halte ich zum Beispiel für eine legitime Strategie. Jeder wird aber im Laufe der Zeit lernen, sich seine eigenen Strategien aufzubauen, um gut im Leben klarzukommen und sich so nicht mehr falsch zu fühlen. Andererseits müssen sie aber auch lernen, Dinge auszuhalten. Sie können nicht vor jeder Lautstärkenbelastung oder vor allen möglichen Dingen, die ihnen im Alltag begegnen, permanent davonrennen. Wichtig ist aber auch, Hochsensibilität als gute Begabung zu erkennen.

Wie meinen Sie das?

Es ist doch eine tolle Ressource, dass man die Umwelt und die Natur schärfer wahrnehmen und sich darüber freuen kann. Außerdem stellen hochsensible Kinder gerne Harmonie in ihrem Umfeld her, was sich etwa in Klassenverbänden sehr positiv auswirken kann.

  • Eine Terminabsprache für eine Beratung bei Birgit Schütte ist unter Tel. 96 91-185 möglich. Die Erstberatung ist kostenlos.
  • Bei Bedarf geht die Sozialarbeiterin auch mit in die Kindergärten und Schulen, um Maßnahmen zu besprechen.
  • Am 25. September plant das CJD seine zweite Fachtagung zur Hochsensibilität für Eltern und Experten, Schwerpunkt sind diesmal Schüler. Anmeldung ab März über die CJD-Webseite.
Schlagworte:
Lesen Sie jetzt