Diese Website verwendet Cookies. Cookies gewährleisten den vollen Funktionsumfang unseres Angebots, ermöglichen die Personalisierung von Inhalten und können für die Ausspielung von Werbung oder zu Analysezwecken gesetzt werden. Lesen Sie auch unsere Datenschutz-Erklärung

Tochter des Dortmunder NSU-Opfers sagt schluchzend aus

Kubasik-Mord

Im NSU-Prozess haben am Dienstag die Ehefrau und die Tochter des in Dortmund ermordeten Mehmet Kubasik als Zeugen ausgesagt. Dabei kämpfte Tochter Gamze mit den Tränen. Wir waren bei der Verhandlung im Münchener Gerichtssaal. Ein Protokoll des Prozesstags.

Dortmund/München

von Von Tom Sundermann (mit dpa)

, 05.11.2013

Der Prozesstag ist beendet. "Es ist vor allem wichtig, dass heute die Stimmen der Opfer gehört wurden", sagte der Anwalt von Gamze Kubasik, Sebastian Scharmer. Wichtig für die Aufklärung des Falls sei insbesondere der kommende Tag, an dem der damalige Ermittlungsführer und ein weiterer Kommissar aussagen. Diese werden sich voraussichtlich fragen lassen müssen, wieso sie Rechtsextremismus als Tatmotiv so lange vernachlässigten.

Zwei weitere Zeugen fanden Kubasik damals im Kiosk. Eine Pädagogin wollte schnell einkaufen, als sie seine Leiche auf dem Boden liegend fand. Ein Passant fühlte den Puls des Opfers, schließlich riefen sie die Polizei.

Eine Zeugin will kurz vor dem Mord zwei Männer mit Fahrrad an dem Kiosk gesehen haben. Jelena D., die bis heute in der Nähe des Tatorts lebt, erinnerte sich, dass einer der beiden ihr einen sehr bösen Blick zugeworfen habe. Die beiden hätten ausgesehen "wie Junkies oder Nazis".

In der Mittagspause äußerte sich Gamze Kubasik erneut vor Reportern. "Ich war vor der Aussage sehr nervös, konnte die ganze Nacht nicht schlafen", sagte sie. Ihr sei es wichtig gewesen, im Prozess klarzumachen, was für ein Mensch ihr Vater gewesen sei. Nachdem klar war, dass Rechtsextremisten hinter der Tat steckten, sei ihr bewusst geworden, wie viele Nazis in Dortmund lebten. "Die sehen ja heute aus wie du und ich", sagte sie. Aus Angst hätten sie und ihre Mutter sich lange Zeit nicht aus der Wohnung getraut.

Auch die Witwe des Getöteten, Elif Kubasik, sagte vor der Mittagspause aus. Die 49-Jährige litt demnach besonders unter den Folgen des Tods ihres Mannes: "Mit seiner Ermordung sind all unsere Träume zerbrochen." Die Ermittler hätten sie immer wieder nach Verbindungen von Mehmet Kubasik zur Mafia oder nach anderen Frauen gefragt. Wann immer sie Männer mit Rucksäcken auf Fahrrädern gesehen habe, sei sie erschrocken. Zeugen hatten der Polizei derartige Beobachtungen zu Protokoll gegeben. "Ich hoffe, dass der deutsche Staat die Täter bestraft", sagte sie gegen Ende ihrer Vernehmung. Für Empörung sorgten Fragen des Anwalts Olaf Klemke, der den Mitangeklagten Ralf Wohlleben verteidigt, an Tochter Gamze Kubasik. Klemke wollte von ihr wissen, welcher Nationalität die Menschen angehörten, die auf der Straße über eine mögliche Verstrickung des Opfers ins Drogenmilieu tuschelten. Dies seien "Deutsche genau wie Ausländer" gewesen, sagte die Zeugin. Richter Manfred Götzl ließ die Frage nicht zu, sie sei für die Schuldfrage nicht relevant.

Im NSU-Prozess vor dem Oberlandesgericht München hat die Aussage von Gamze Kubasik begonnen, der Tochter des 2006 in Dortmund ermordeten Kioskbetreibers Mehmet Kubasik. Schluchzend berichtete die 28-Jährige von den Folgen, die der Mord für ihre Familie gehabt habe. Sie selbst leide bis heute unter Schlafstörungen und Angstzuständen. Häufig hätten Menschen hinter ihrem Rücken getuschelt. Zudem kritisierte Kubasik die Ermittlungen. Die Polizei habe rasch einen rechtsradikalen Hintergrund ausgeschlossen, Wohnung und Auto der Familie seien mit Hunden durchsucht worden. Nach der Tochter soll Kubasiks Witwe Elif aussagen.

Ehefrau und Tochter sind Nebenkläger vor dem Oberlandesgericht München. Laut Anklage erschossen die Neonazi-Terroristen Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos den türkischstämmigen Kioskbesitzer am Mittag des 4. April 2006.

Der Anschlag hätte auch seine Frau Elif treffen können: Diese stand normalerweise vormittags hinter dem Tresen. Nur zufällig war ihr Mann an dem Tag früher da. Elif Kubasik und Tochter Gamze waren mehrfach im Gericht, um der Verhandlung zu folgen.  Am Nachmittag des 51. Verhandlungstags soll es auch um den Mord an Halit Yozgat in Kassel gehen. Der Betreiber eines Internetcafés wurde erschossen, während Kunden im hinteren Raum waren - sie bekamen nichts mit. Einer der Kunden wird nun als Zeuge erwartet. 

Dem „Nationalsozialistischen Untergrund“ werden neun Morde an türkisch- und griechischstämmigen Menschen sowie an einer Polizistin vorgeworfen. Beate Zschäpe ist als Mittäterin angeklagt.   

Schlagworte:
Lesen Sie jetzt