Dortmunder Generalmusikdirektor feiert Silberjubiläum

Interview mit Gabriel Feltz

Seit 25 Jahren steht der Dortmunder Generalmusikdirektor Gabriel Feltz am Pult; seinen ersten Auftritt als Dirigent hatte er mit 19 Jahren in einer Hochschulproduktion, in "Die weiße Rose" von Udo Zimmermann - in der Berliner Staatsoper unter den Linden. Und seit 15 Jahren ist er in ununterbrochener Folge Generalmusikdirektor, seit drei Jahren in Dortmund, wo er gerade seinen Vertrag bis 2023 verlängert hat.

DORTMUND

, 12.07.2016, 11:25 Uhr / Lesedauer: 3 min
Dortmunder Generalmusikdirektor feiert Silberjubiläum

Der Dortmunder Generalmusikdirektor Gabriel Feltz auf dem Dach des Opernhauses. Da liegt dem 45-jährigen Dirigenten die Stadt zu Füßen, im Konzerthaus und Opernhaus das Publikum.Foto: Oliver Schaper

Julia Gaß hat mit dem 45-Jährigen ein Entweder-Oder-Interview geführt, bei dem er sich jeweils zwischen zwei Dingen entscheiden sollte.

Theater oder Konzerthaus? Ich brauche unbedingt beides, und beide Häuser sind untrennbar mit dem Orchester verbunden. Wir sind Platzhirsch in beiden Häusern; im Konzerthaus sind wir das Orchester, das die meisten Konzerte dort spielt. Dortmund geht es gut, dass es so ein gutes Orchester gibt.

Es gibt fünf Orchester im Umkreis von 30 Kilometern und in Hagen gerade wieder eine Spardebatte, gegen die Sie ja auch mitdemonstriert haben. Gibt es zu viele Orchester oder ist das gerade richtig? Gerade richtig. Die großen Städte brauchen Orchester vor Ort. Es bringt nichts, an Kultur zu sparen. Wenn Hagen 1,6 Millionen an der Kultur sparen soll, wird davon nicht der Haushalt saniert. Deutschland hat eine einmalige Kulturlandschaft, die sollte man schützen. Die Orchester und alle Theater sollten Weltkulturerbe werden.

Als was sehen Sie die Dortmunder Philharmoniker: Stadttheater-Ensemble oder ein Orchester mit internationaler Ausstrahlung? Beides. Für Dortmund und den Gürtel drumherum sind wir das Orchester vor Ort, das auch für Kinder und Jugendliche spielt. Aber zu uns kommen auch Zuhörer aus Bochum und Essen, obwohl die selbst gute Orchester haben. Und wir spielen auch international, im Oktober in Mailand und im nächsten Frühjahr in Graz.

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Sie haben mit den Philharmonikern schon viel erreicht, die Qualität des Orchesters und die Besucherzahlen gesteigert. Sind Sie noch auf dem Weg oder schon am Ziel? Man ist immer auf dem Weg, alles andere würde Stillstand bedeuten. Das Orchester ist in hervorragender Verfassung. Das weiß ich auch, weil ich viel unterwegs bin und sehe, wie hoch unser Standard ist. Wir haben viel erreicht, aber das geht nur mit dem Orchester zusammen. Deshalb freut es mich, dass sich die Philharmoniker mit 80-prozentiger Mehrheit gewünscht haben, dass ich meinen Vertrag verlängere.

In Stuttgart haben Sie viel Mahler dirigiert, in Dortmund Rachmaninow. Mahler oder Rachmaninow? Beides. Wir spielen Rachmaninow auf CD ein - auch die Klavierkonzerte, mit einem besonderen Star. Aber Mahler sollte zentraler Bestandteil von jedem Orchester sein. Wir bleiben dabei, dass wir jedes Jahr ein großes Mahler-Werk im Programm haben: 2018 die achte Sinfonie, die Sinfonie der Tausend - das wird eine Premiere in Dortmund sein.

Populäre Werke oder Entdeckungen in den Konzertprogrammen? Der Auftrag von der Stadt an mich war ganz klar: Steigern Sie die Zuschauerzahlen. Und das kann man mit Neuer Musik schlechter als mit populären Werken. Man sollte sich an den Wünschen des Publikums orientieren. Wir werden erst die große, klassische Orchesterliteratur spielen, bei der es ja auch Neues zu entdecken gibt, und später das ein oder andere Stück des 20. Jahrhunderts in die Programme einspeisen.

Stars oder junge Entdeckungen als Solisten? Mehr Publikum bedeutet für uns auch, dass wir großzügiger mit Geld umgehen können. Stars waren auch der Wunsch des Orchesters. Und das Ansehen der Philharmoniker ist hoch. Das merkt man, wenn Albrecht Mayer und ähnliche Koryphäen kommen und zufrieden sind.

Ost-Berlin, Ihr Geburtsort, oder West-Berlin? Ost-Berlin. Die Ausbildung da war sehr gut. Der Anfang meines Studiums an der Humboldt-Universität war übrigens kurios: Es gab eine Zeremonie zu Studienbeginn. Das war im September 1989, kurz vor dem Mauerfall, das System kollabierte schon. Alle Studenten mussten einen Vortrag hören, in dem erklärt wurde, wie gefährlich Aids ist - eine Krankheit, die im Westen sehr verbreitet sei. Dann wurden wir alle als Erntehelfer eingesetzt; ich habe Äpfel gepflückt. Ich habe das Studium dann schnell abgeschlossen, nach fünf Jahren. Es war immer mein Ziel, schnell in die Praxis zu kommen.

Wein wie in Stuttgart oder Dortmunder Bier? Im Sommer Bier, im Winter Wein.

Fußball-Stadion oder Spielplatz mit den Kindern? Ich hatte wegen meiner Arbeitszeiten viel Zeit, mit meinen beiden Töchtern und meinem Sohn auf Spielplätzen zu sein. Im Stadion war ich vier Mal. Dafür fehlt mir oft Zeit, aber die Atmosphäre ist toll, für mich ist es das schönste Stadion der Welt.

Ihr Platz in Dortmund: Lebenslänglich oder auf der Durchreise? Für einen Dirigenten sind zehn Jahre genug. Sonst entsteht eine zu starke Nähe. Es ist besser, wenn dann jemand Neues kommt. Am wichtigsten ist immer das Orchester. Das bleibt, die Dirigenten begleiten nur Etappen. Aber ich will hier Spuren hinterlassen.

In den Theaterferien: Berge oder Meer? Meer. Das war auch der Wunsch meiner Frau, wir fahren in den Nordosten von Mallorca. Und ich verordne mir immer 30 Tage Musiksperre. Ich höre dann gar keine klassische Musik. Wenn sie in einem Café läuft, gehen wir in ein anderes Café. Ich brauche das, um danach wieder einen frischen Geist zu haben.