Dostojewski zwischen Wahnsinn und Verzweiflung

Schauspielhaus Bochum

Kann ein Mensch das Recht haben, einen anderen Menschen zu töten? Die Frage ist heute so aktuell wie 1866, als Dostojewski "Verbrechen und Strafe" schrieb. Im Schauspielhaus Bochum zeigt Jan Klata zum Spielzeitauftakt seine Sicht auf den Stoff.

BOCHUM

, 17.09.2016, 16:00 Uhr / Lesedauer: 1 min
Die Kommissare Daniel Stock (l.) und Roland Bayer (r.) versuchen, Raskolnikow (Jana Schulz) auszuhorchen.

Die Kommissare Daniel Stock (l.) und Roland Bayer (r.) versuchen, Raskolnikow (Jana Schulz) auszuhorchen.

Auf der Bühne ist es grell, fiebernd, clownesk, beklemmend, laut, sehr laut, anstrengend, sehr anstrengend. Neun Schauspieler stehen zu Beginn auf der Bühne. Sie lesen in einem ohrenbetäubenden Durcheinander den Traum vom Pferdchen, schmeißen die Bücher auf den Boden und peitschen auf sie ein, bis die Seiten zerfetzt herumliegen.

Dostojewskis Roman "Verbrechen und Strafe" kommt in der Inszenierung des polnischen Regisseurs nicht heil davon, das machen die ersten Minuten klar.

Morden ohne Gewissensbisse

In Olaf Kröcks Bühnenfassung des Romans, den die meisten unter dem Titel "Schuld und Sühne" kennen, ist der Mord an der Pfandleiherin bereits geschehen. Im Rückblick wird wie in einer Kriminalgeschichte das Motiv des Studenten Raskolnikow klar, der glaubte sich gleich einem Napoleon über Gesetz und Recht stellen, ohne Gewissensbisse töten zu können.

Der Zuschauer erlebt ihn also schon nach der Tat, wie er zwischen Größenwahn, Verzweiflung und Wahnsinn schwankt. Jana Schulz ist die ungewöhnliche, aber sicher ideale Besetzung für diesen jungen, fiebrigen, verstörten Mann, der am Ende seiner Schuld nicht entkommt und sich stellt.

Spiderman tanzt Macarena

Wie schon in seinen früheren Inszenierungen in Bochum (Die Räuber, Hamlet) findet Jan Klata starke Bilder. So filmen Kameras die Figuren, die überdimensional auf den Bühnenhintergrund projiziert werden, manchmal verzerrt und wie im Delirium.

Es sind so viele Ideen: Einige Rollen sind als Clowns angelegt und entsprechend aufgedreht, Spiderman darf wie zu "Macarena" tanzen, ein Kinderchor hat seine Auftritte. Erst spät findet die Inszenierung ruhigere Bilder - wenn Ermittlungsrichter Petrowitsch (so jovial wie eiskalt: Roland Riebeling) sein Spiel mit Raskolnikow treibt oder zwischen Sonja (Sarah Grunert) und Raskolnikow ein Moment der Unbeschwertheit entsteht.

So ist es vor allem den Schauspielern zu verdanken, dass nicht noch mehr Zuschauer in den zwei Pausen den dreieinhalbstündigen Theaterabend vorzeitig verlassen haben. Ihnen wurde einiges an physischer Anstrengung abverlangt. Dem Zuschauer auch.

25.9./13./20./ 29.10. Karten: Tel. (0234) 33335555

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