Drei Romane, bei denen es ums Ganze geht

Unterleuten - Das Traumbuch - Messertanz

Aller guten Dinge sind drei - Romane von Autorinnen, bei denen es ums Ganze geht. In den Büchern von Juli Zeh, Nina George und Katja Bohnet werden universelle Themen auf sehr verschiedene Art behandelt. Zu Nordrhein-Westfalen pflegen alle ihre besondere Beziehung.

NRW

03.04.2017, 12:02 Uhr / Lesedauer: 3 min
Lesenswert: Juli Zehs Unterleuten, Nina Georges Das Traumbuch und Katja Bohnets Messertanz.

Lesenswert: Juli Zehs Unterleuten, Nina Georges Das Traumbuch und Katja Bohnets Messertanz.

Die Journalistin, Publizistin und Autorin Juli Zeh hat mit „Unterleuten“ die umfassendste Arbeit in diesem Dreiklang vorgelegt. Umfassend, weil sie einen scharfen Blick auf die deutsche Gesellschaft am Beispiel eines fiktiven brandenburgischen Dorfes wirft. Wie durch ein Brennglas betrachtet Zeh, die in Bonn zur Welt kam, die Entwicklung der Menschen, die Jahrzehnte lang und über den Systemwechsel hinweg in relativem Frieden miteinander ausgekommen sind.

Unterleuten: Juli Zehs sanfter Blick auf unser Scheitern

Als Funken wirft Zeh die Windenergie ins Dorf. Ein Aufreger-Thema landauf, landab. Es hätte gleichwohl auch ein Luxushotel, eine Ortsumgehung oder eine Schiefergasquelle (Fracking) sein können, was die Fassade der Dorfgemeinschaft Stück für Stück in Fetzen reißt. Hier ist es die durch Investoren eröffnete Möglichkeit, schnell Land zu versilbern und dabei alte Hierarchien umzukehren.

Das Faszinierende an Zehs Roman ist weniger die Windkraft als Auslöser des dörflichen Auflösungsprozesses. Zur großen Literatur wird „Unterleuten“ durch die unerbittliche Analyse jeder einzelnen Figur. Ob alteingesessener Ex-Kader, zugezogene Weltverbesserer, verbitterte Eheleute – für alle Dörfler nimmt Zeh sich Zeit. Keine wird zur Heldin, keiner bleibt Bösewicht. Zeh kleidet das persönliche Scheitern aller in einen Mantel der Sanftmut und wärmt so auch unsere kleinen Seelen.

Für die universellen Fragen des Lebens wählt die gebürtige Bielefelderin Nina George – wie Zeh Journalistin, Publizistin und Schriftstellerin, dazu PEN-Vorstand und Multiaktivistin – einen anderen Rahmen. In „Das Traumbuch“ führt sie drei Menschen in einer Ausnahmesituation zusammen, am Übergang vom Leben zum Tod.

Das Traumbuch: Nina Georges bildgewaltiges Ja zum Leben

Der Kriegsreporter Henri will nach vielen Jahren endlich Versäumtes nachholen und seinen Sohn kennen lernen. Doch er fällt nach einem Unfall ins Koma. An seinem Krankenbett suchen die Ex-Freundin Eddie und sein Sohn Sam nach ihrem Platz im Leben. Henri selbst ist in einer Zwischenwelt gefangen, George zeichnet dabei ein überraschendes Bild von Wachkoma, das die Grenze zur Fantastik mutig, aber gekonnt überschreitet.

Alle drei Figuren stellt George vor existenzielle Entscheidungen. Eddie wurde von Henri ungefragt dazu bestimmt, über dessen lebenserhaltende Maßnahmen zu befinden. Sam ist Synästhetiker und verfügt damit über eine zusätzliche Ebene der Wahrnehmung. Als besonders sensibler Junge rückt er in die Rolle des Mittlers zwischen Henri und Eddie. Seine Sinne geraten zusätzlich in Wirrung, weil er im Krankenhaus zufällig eine besondere, unschuldige Beziehung zu einer jungen Patientin aufbaut. Henri wird im Zwischenreich noch einmal an verschiedene Wegkreuzungen seines Lebens geführt. Seine letzte große Entscheidung aber wird die, zu gehen oder zu bleiben.

Besondere Sogkraft entwickelt Nina Georges Bildsprache. Durch sie funktioniert der Roman, der seine Botschaften vor allem über Gedanken, Gefühle und Träume transportiert. Wer will, kann den Lavendelzimmer-Nachfolger als ein Buch lesen, das das Wesen des Menschen auf drei verschiedene Figuren auffächert. Die große Kunst Nina Georges ist es, die Liebe einer Frau, die Verlorenheit und Sehnsucht eines Mannes sowie die Sensibilität eines intelligenten Jungen so zu fügen, als sei es die Geschichte eines Menschen, eines jeden.

Messertanz: Katja Bohnets Plädoyer für Makel und Macken

Der Roman „Messertanz“ fällt vordergründig aus dem Rahmen dieser Dreierreihe – als Thriller. Die Journalistin und Autorin Katja Bohnet hat allerdings mehr im Sinn als bloß einen spannenden Plot und die Jagd nach dem Täter zu präsentieren. Das Verbindende bei Bohnet, die zwölf Jahre in Köln gelebt und gearbeitet hat, ist das Leiden – der anderen und das der tragenden Figuren.

Zunächst zur Handlung: Am Schauplatz Berlin werden in häufiger Folge Kinder von Spielplätzen entführt. Als wäre dies nicht Verbrechen genug, ist die Kripo der Hauptstadt in dieser Sache merkwürdig untätig. Es riecht nach Korruption. Unterdessen setzt eine Serie brutaler Morde an Deutsch-Russen ein.

Die losen Enden sollen ausgerechnet zwei Menschen zusammenbinden, die schwer am eigenen Los tragen. Die Ermittlerin Rosa Lopez ist psychisch gezeichnet, seit ihr eigenes Kind spurlos verschwand. Ihre Arbeit ist vergebliche Therapie. An Lopez' Seite wirkt der gebürtige Russe Viktor Saizew, selbst kein Kind von Fröhlichkeit. Neben seiner schwierigen Jugend setzt ihm zudem die Gesundheit zu – bei ihm wird Epilepsie diagnostiziert.

Und so sehen wir zwei Menschen zu, die durch die Gegenwart wanken, weil ihre Vergangenheit sie vor sich her stößt. Sie bilden aber ein Duo, das sich über Makel und Macken erhebt und zueinander steht. Sie funktionieren nur zusammen, als Ganzes, selbst wenn es die Summe von Unvollkommenheiten ist.

Damit hebt Bohnets Thriller sich von vielen Spannungsromanen ab – und komplettiert so die Reihe von drei Autorinnen, die jeweils einen außergewöhnlichen Kosmos geschaffen haben, um uns das Universelle näher zu bringen.

Katja Bohnet: Messertanz. Thriller mit 304 Seiten, 9,99 Euro. Erscheint bei Knaur (Taschenbuch). ISBN 978-3426516744. Fortsetzung erscheint im Herbst 2017.
Nina George: Das Traumbuch. Roman mit 416 Seiten, 16,99 Euro. Erscheint bei Knaur. ISBN 978-3426653852. Taschenbuchausgabe in Vorbereitung.
Juli Zeh: Unterleuten. Roman mit 640 Seiten, 24,99 Euro. Erscheint bei Luchterhand. ISBN 978-3630874876

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