"Dreigroschenoper" begeistert mit verdrehten Bildern

Musiktheater im Revier

GELSENKIRCHEN Wo die "Dreigroschenoper" auf den Spielplänen erscheint, löst sie - wie schon 1928 in Berlin - mehr Jubel als Provokation aus. So ist es auch im Kleinen Haus des Gelsenkirchener Musiktheaters. Premiere war am Samstagabend.

von Von Heinz-Albert Heindrichs

, 05.10.2009, 15:25 Uhr / Lesedauer: 1 min
Pralles, lustvolles Theater zeigen William Saetre, Rüdiger Frank und Judith Jakob (v.l.) in der "Dreigroschenoper".

Pralles, lustvolles Theater zeigen William Saetre, Rüdiger Frank und Judith Jakob (v.l.) in der "Dreigroschenoper".

Intendant Michael Schulz hat das Stück von Bert Brecht und Kurt Weill inszeniert. Der alte Brecht hat seinen frühen Geniestreich auf den Punkt gebracht: "Der Charakter des Stückes ist zwiespältig. Belehrung und Unterhaltung stehen auf einem Kriegsfuß miteinander."

Da führen Peachum, der Bettlerkönig, und seine ungleiche Frau - herrlich grotesk gespielt von Schauspieler Rüdiger Frank und Tenor William Saetre - einen Untergrundkrieg gegen den Bandenchef Mackie Messer, weil der ihre Tochter Polly heiratet, es aber ungeniert weiter mit Huren und der Tochter des korrupten Polizeichefs treibt.

Die menschenverachtende Sozialkritik, die das Stück vermittelt, trifft das Publikum da, wo kein Zeigefinger erhoben, sondern pralles, entfesseltes Theater gezeigt wird. Das gelingt Schulz vor allem in den Szenen, die sich wie improvisiert, scheinbar chaotisch entfalten wie die Hochzeitsszene von Mackie und Polly im Pferdestall: Lars-Oliver Rühl ist der Frauenheld und lässig-eleganter Verbrecher, Judith Jakob dagegen leichtfüßig, kess und frech.Gelungenes Debüt für ersten Kapellmeister

Dann gibt es Szenen, die schockieren, aber als totales Theater faszinieren: Wenn die enorm dicke Lucy ins Gefängnis eindringt und Mackie auf einem Tisch vergewaltigt, möchte man zunächst weggucken. Aber die Szene wird Dank Birgit Brusselmans eine umwerfend komische Lektion über sexuelle Hörigkeit.

Und Schulz setzt auch Bibelsprüche, die Brecht zitiert, verdreht direkt in Bilder um: Die Bordellszene (Bühnenbild: Dirk Becker) beherrscht ein großer Flügelaltar mit Maria in der Mitte. Darin öffnen sich Türchen, aus denen die Huren heraus schauen. Die Seele des Ganzen, die Bordellchefin Jenny, singt und spielt Christa Platzer.

Mit Weills Musik, die aus lauter Evergreens besteht und raffiniert viele Stile parodiert, feierte Johannes Klumpp, Gelsenkirchens neuer erster Kapellmeister, ein temperamentvolles und gelungenes Debüt.

  • Termine: 9, 10., 18. 31.10., 1., 5. 11. Karten: Tel. (02 09) 4097-200.
  • www.musiktheater-im-revier.de
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