Drogenbeauftragte: "Das Problem wird verharmlost"

Marlene Mortler im Interview

Von Cannabis bis Kokain: Auf den Schulhöfen in Nordrhein-Westfalen muss die Polizei deutlich häufiger wegen Drogendelikten eingreifen als noch vor wenigen Jahren. Die Zahl der Straftaten mit Drogenbezug habe sich zwischen 2011 und 2015 verdoppelt, teilte das Landeskriminalamt in Düsseldorf mit. Werden wirklich mehr Drogen konsumiert, oder sind die Kontrollen nur strenger geworden? Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung fordert mehr Prävention.

BERLIN

von Von Tobias Schmidt

, 24.01.2017, 05:15 Uhr / Lesedauer: 2 min
Die Drogenbeauftragte Marlene Mortler

Die Drogenbeauftragte Marlene Mortler

Der Joint in der Pause, die Aufputschpille vor der Klassenarbeit, in vielen Bundesländern hat die Drogenkriminalität an Schulen stark zugenommen. Grund sei neben mangelnder Prävention eine gefährliche „Verharmlosung“ des Cannabis-Konsums, warnt die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marlene Mortler (CSU) im Interview.

Frau Mortler, an Deutschlands Schulen gibt es immer mehr Drogenkriminalität. Frau Mortler, wie erklären Sie sich diesen beunruhigenden Trend? Das liegt zum einen am unterschiedlichen Engagement der Bundesländer bei der Prävention von Drogenmissbrauch. Zum anderen wird das Problem verharmlost. Auf der einen Seite von der Politik selber. Auf der anderen Seite aber auch von Lobbygruppen wie dem Hanf-Verband oder manchen Medien, die Cannabis als cooles Lifestyle-Produkt darstellen. So entsteht bei den jungen Menschen der Eindruck, das sei alles halb so wild.Der Bundestag hat gerade Cannabis als Rezept für Kranke freigegeben: Ist auch das ein falsches Signal? Nein. Wir machen eine wirklich differenzierte Cannabispolitik. Es muss klar unterschieden werden zwischen Cannabis als Medizin von der Apotheke oder für Schwerstkranke, denen es helfen kann, Schmerzen zu lindern und Cannabis im Freizeitkonsum. Dieser bleibt ein großes Risiko.Worin besteht die Gefahr, wenn Jugendliche regelmäßig kiffen? Das beginnt damit, dass Jugendliche nur noch rumhängen, sich nicht mehr für die Schule oder die eigene Zukunft interessieren, und endet bei ganz handfesten Dingen wie einem sechsfach erhöhten Psychose-Risiko. Je häufiger ein Joint geraucht wird, umso größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass das Gehirn Schaden nimmt.Es geht längst nicht mehr nur um Cannabis, es geht um Ecstasy-Pillen und sogar Crystal-Meth-Fälle: Halten die harten Drogen Einzug in die Schulen? Das lässt sich so allgemein nicht feststellen, die Faktenlage ist in den Bundesländern unterschiedlich. Klar ist: Wenn die Schulen hinschauen und eingreifen, werden mehr Fälle von Drogenkriminalität registriert. Aber wenn Schulleitungen wegschauen, die Probleme ignorieren, tun sie den Schülern keinen Gefallen, im Gegenteil. Denn es drohen Hirnschäden, die ein Leben lang anhalten können! Es gibt schon viele Präventionsprogramme. Warum greifen diese nicht, wie können Schüler wirksamer von Drogen ferngehalten werden? Wir haben etliche Projekte zur Aufklärung. Aber am Ende ist es Ländersache: Sie sind für die Prävention zuständig und müssen die Angebote des Bundes intensiver nutzen oder eigene Programme entwickeln. Wenn an den Schulen nur einmal im Jahr aufgeklärt und informiert wird, bringt das nichts. Es muss regelmäßige Veranstaltungen geben. Und die Jugendlichen müssen ganz gezielt und altersgerecht angesprochen werden. In Bayern wird sehr viel getan. Ich kann auch den anderen Bundesländern nur raten, genug Geld bereitzustellen und die Gesundheit der Schüler in den Mittelpunkt zu rücken.

Leistungsdruck kann verheerende Folgen haben

Ist der Leistungsdruck an den Schulen gestiegen, kommt womöglich auch von den Eltern zu viel Druck, sodass die Schüler zum Joint oder zu Aufputschmitteln greifen? Es mag sein, dass Druck eine Rolle spielt, aber das liegt dann an einzelnen Lehrern oder an den Eltern. Wenn sie zu hohe Erwartungen an ihre Kinder richten, ist das falsch. Unser Schulsystem ist so gut, dass für jede Schülerin und für jeden Schüler der optimale Weg gefunden werden kann. Wenn die Kinder Pillen schlucken oder Cannabis konsumieren, um sich „runterzubeamen“ oder ihre Leistung zu erhöhen, kann das verheerende Folgen haben.

Was raten Sie Eltern, die vom Drogenkonsum ihrer Tochter oder ihres Sohnes erfahren? Sie müssen mit ihren Kindern reden, zeigen, dass sie trotzdem Vertrauen haben und signalisieren: Ich bin zwar gegen Drogen, aber ich bin auf Deiner Seite, und jetzt müssen wir schauen, wie Du aus dieser Lage herausfindest. Schimpfen bringt hier gar nichts. Die Botschaft der Eltern sollte klar sein: Das Leben ist viel zu schön und zu kurz, als dass man sich auf unsichere Experimente einlassen sollte, die sogar zum Tod führen könnten. Kinder, schaut auf Euch und Eure Gesundheit!