Drostens Vorschlag: Kurzquarantäne ist als Notfallplan gedacht

Coronavirus

Politiker haben nach Äußerungen des Virologen Christian Drosten eine Verkürzung der Quarantänezeit auf fünf Tage gefordert. Allerdings empfiehlt der Forscher das nur in bestimmten Fällen.

Hannover

05.09.2020, 05:00 Uhr / Lesedauer: 3 min
Der Virologe Christian Drosten hat sich im NDR-Podcast zur Dauer der Quarantäne geäußert.

Der Virologe Christian Drosten hat sich im NDR-Podcast zur Dauer der Quarantäne geäußert. © picture alliance/dpa

Genügt es, beim Verdacht auf eine Covid-19-Infektion nur fünf Tag zu Hause zu bleiben? Das fordern Politiker mehrerer Parteien. Auslöser der Diskussion war ein Vorschlag, den der Charité-Virologe Christian Drosten am Dienstag in seinem NDR- Podcast „Corona Update“ gemacht hatte. Später war Drosten allerdings zurückgerudert und schrieb in einer Mail an die Nachrichtenagentur dpa, es handele sich nur um einen Notfallplan für den Fall, dass die Infektionszahlen steigen.

Drosten hat „Quellcluster“ im Blick

Drosten hatte vorgeschlagen, dass das Gesundheitsamt bei einem Infektionsverdacht fünf Tage Quarantäne anordnen soll – gezählt ab Beginn der Symptome. Diese Regelung solle auch für „Quellcluster“ gelten, also Gruppen von Menschen, die gleichzeitig und gemeinsam einer Infektionsgefahr ausgesetzt waren, etwa bei einer Familienfeier.

Drosten nennt diese fünf Tage die „Abklingzeit“, womit das Abklingen der Infektiösität gemeint ist – also der Fähigkeit, andere anzustecken. Der Virologe war mit seinem Vorschlag noch weiter gegangen: Tests solle man nicht vor Ablauf der fünf Tage „verschwenden“, in denen jemand ohnehin schon in Quarantäne ist. Stattdessen empfiehlt er einen Test am letzten der fünf Tage.

Antigentests zum Freitesten

Mit dem PCR-Verfahren solle dann nicht nur ermittelt werden, wer sich tatsächlich infiziert hat. Sondern auch, ob derjenige noch ansteckend ist oder ob er wieder zur Arbeit gehen kann. Drosten spricht hierbei vom „Freitesten“ aus der Quarantäne. Wie ansteckend jemand ist, ließe sich anhand der Menge des nachgewiesenen Virenerbguts beurteilen. Einheitliche Normen und Grenzwerte dafür müssten aber noch ermittelt werden.

Zum „Freitesten“ könnten außerdem schon in naher Zukunft Antigentests verwendet werden, sagte Drosten. Diese weisen, anders als PCR-Tests, nicht das Erbgut des Virus nach, sondern kleine Eiweißfragmente des Erregers. Sie funktionieren ähnlich wie ein Schwangerschaftstest, können zu Hause durchgeführt werden und liefern sofort ein Ergebnis.

Die Antigentests sind zwar weniger genau als die PCR-Verfahren im Labor. Ihre Genauigkeit könnte aber ausreichen, um auszuschließen, dass jemand noch ansteckend ist. Denn in diesem Fall sind größere Virenmengen nachweisbar. Derzeit wird noch daran gearbeitet, die Antigentests zu verbessern. Nach Drostens Einschätzung könnten sie aber schon in einigen Monaten zum Einsatz kommen.

Wann Infizierte ansteckend sind

Die bisherige Quarantäneregelung für Verdachtsfälle von 14 Tagen richtet sich an der Inkubationszeit des Virus aus. So können nach einer Ansteckung bis zu 14 Tage vor dem Auftreten erster Symptome vergehen. Mit einer Quarantäne von 14 Tagen soll sicher ausgeschlossen werden, dass Infizierte andere unbemerkt anstecken, bevor eine Erkrankung ausgeschlossen werden kann. Im Mittel entwickeln sich allerdings nach fünf Tagen die ersten Symptome wie Husten und Schnupfen, länger als elf Tage dauert es nur selten.

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Ansteckend sind Infizierte auch nicht während der gesamten Inkubationszeit, sondern eben nur kurz vor und einige Tage nach dem Beginn der Symptomatik. Hier setzt Drostens Vorschlag an. Er lässt die Inkubationszeit außer Acht und basiert darauf, dass fünf Tage nach dem Auftreten der Symptome kaum noch Ansteckungsgefahr besteht.

Allerdings soll die Regelung ja auch für Cluster gelten, also Gruppen, die sich möglicherweise bei der gleichen Gelegenheit angesteckt haben. Da bei ihnen noch keine Symptome aufgetreten sind, kann nicht von Symptombeginn an gezählt werden. Man müsste im Grunde doch die Inkubationszeit berücksichtigen. Andererseits dürfte bereits Zeit vergangen sein, bis ein vermehrter Ausbruch von Infektionen – etwa nach einer Familienfeier – und damit ein Cluster ermittelt wird. Die fünf Tage könnten dann doch genügen. Und ohnehin will Drosten ja nach Ablauf der fünf Tage testen.

Politiker fordern kürzere Quarantäne

Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach und einige Politiker anderer Parteien hatten in dieser Woche Drostens Vorschläge aufgegriffen und eine generelle Verkürzung der Quarantänezeit auf fünf Tage schon jetzt gefordert. Auch der Vorsitzende des Weltärztebunds, Frank Ulrich Montgomery, sprach sich für eine Testung nach fünf Tagen in Quarantäne aus.

Ob sich das Modell durchsetzen wird, bleibt aber fraglich. Das Gesundheitsministerium hat sich bereits ablehnend geäußert. Ein Sprecher von Gesundheitsminister Jens Spahn sagte, dass man an der 14-tägigen Quarantäne für Verdachtsfälle festhalten wolle. Über eine kürzere Isolation von Infizierten wolle man beraten, so das Ministerium.

Das Robert-Koch-Institut (RKI) geht offenbar noch von einer anderen Studienlage aus als der Charité-Virologe: Auf der Seite des RKI heißt es: „Anhand der bisher verfügbaren Datenlage“ lasse sich „eine durchschnittliche Infektiositätsdauer von acht bis neun Tagen ableiten“, wobei Drosten bei seinem Modell mit insgesamt sieben Tagen rechnet. Laut der gesundheitspolitischen Sprecherin der Unionsfraktion, Karin Maag, wurden das Gesundheitsministerium und das Robert-Koch-Institut beauftragt, die Studienlage zur Quarantäne neu auszuwerten.

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