Ein gelernter DDR-Bürger

WITTEN „Das hätte ich mir nun wirklich sparen können“, so lautet das Fazit einer ganz besonderen Fluchtgeschichte, an die sich heute Siegfried Boldt anlässlich des Mauerfalls vor 18 Jahren erinnert.

von Von Susanne Linka

, 08.11.2007 / Lesedauer: 3 min
Ein gelernter DDR-Bürger

Siegfried Boldt vor dem Wittener Rathaus.

Der Vorsitzende des Herbeder und des Wittener Sozialverbands VdK hatte just am 9. November 1989 seinen zweiten Anlauf unternommen, das Staatsgebiet der damaligen DDR ohne Erlaubnis zu verlassen. „Hätte ich das damals gewusst, dann wäre ich natürlich nicht geflohen“, kann Boldt heute darüber schmunzeln. Nach einer gescheiterten Ehe hatte er am 3. Oktober seinen ersten Fluchtversuch unternommen: „Ich wollte, dass meine Kinder etwas vom Westen kriegen“, beschreibt er rückblickend seine Beweggründe. Ein Papa in der BRD, der könnte seinem Nachwuchs, der heute 28, 30 und 33 Jahre alt ist, schon einiges schicken.

Keine Erwartungen„Ich selbst hatte keine Erwartung vom Westen“, bekräftigt Boldt, der inzwischen im Schichtdienst in der Ruhrtaler Gesenkschmiede arbeitet. Schließlich hatte er ja in Dresden gelebt, „dem Tal der Ahnungslosen ohne West-TV.“ Am 3. Oktober so schildert es Boldt, sei die Prager Botschaft sein Ziel gewesen, doch kurz bevor sein Zug den heimischen Bahnhof in Richtung CSSR verließ, wurde die Grenze dichtgemacht. Er entschloss sich, über die grüne Grenze zu gehen und sich irgendwie nach Prag durchzuschlagen: „So bin ich mit meinem Himpelditsch, meinen alten 500er Trabbi, ins Osterzgebirge gefahren“, heißt es in seinen schriftlichen Erinnerungen.

KalaschnikoffLange irrte er durch die Nacht. „Also, ich war gerade auf der Straße angekommen, da schrie hinter mir einer Stoi-Halt und ich hörte das Durchladegeräusch einer Kalaschnikow. Ich hätte mir fast vor Schreck und Angst in die Hosen gemacht. Ich dachte wirklich, wenn ich mich bewege, wird auf mich geschossen. Ich weiß gar nicht mehr, was ich gesagt hatte. Ein wenig Tschechisch konnte ich ja. Da habe ich wohl das Richtige gesagt und ich wurde abgeführt. Ich wurde zum Grenzübergang Bahratal gebracht.“ Nach Verhören ging es in Handschellen später wieder nach Dresden zurück. Die Nacht verbrachte Boldt im Polizeipräsidium. Es habe Unruhen gegeben, die auch zu Folterungen und Übergriffen im Gewahrsam führten.

Wohnung leer Als Boldt am nächsten Tag eine Erklärung unterschrieben hatte, dass er nicht noch einmal fliehen würde, durfte er nach Hause - in die leere Wohnung: „Ich hatte doch alles verkauft.“. Als am 26. Oktober die Grenze zur Tschechoslowakei sich wieder öffnete und die Botschaftsbesetzungen begannen, stieg auch Boldt wieder in den Zug nach Prag. „Ich und andere Fluchtwillige sind gar nicht zur Prager Botschaft gekommen. Wir sind gleich am Bahnhof abgefangen und zu einem bereitstehenden Zug geleitet worden. Nach zwei Stunden Wartezeit ging es los in Richtung BRD und nicht über das Territorium der DDR.“

Jubel und Tränen Viele warfen da schon in froher Erwartung ihr Kleingeld aus der DDR aus dem Fenster. „Bei Schirnding sind wir mit unserem Flüchtlingszug auf Bundesdeutschen Territorium angekommen. War das ein Jubel auf dem Bahnhof. Wir haben uns in den Armen gelegen und viele haben wie die Schlosshunde geheult. Ich auch“, berichtet der VdK-Vorsitzende. Im Westen fand Boldt sich mühelos zurecht: „Ein gelernter DDR-Bürger findet sich überall ein. Er ist das Improvisieren gewöhnt.“ Der begeisterte „Rund-um-die-Uhr-Leser“ ist in Witten vielfach ehrenamtlich engagiert. Seiner alten Heimat trauert er nicht nach: „Hier ist es doch schön, vor allem Herbede ist herrlich.“