Ein Monster verleiht Außenseitern Allmacht

Kino: "Chronicle"

Eine Mischung aus Science-Fiction und High-School-Drama ist der Film "Chronicle". Er zeigt, was passieren kann, wenn ungeliebte Teenager unbegrenzte Macht erhalten. Ein Volltreffer des Genres.

von Von Klaus-Peter Heß

, 19.04.2012, 18:00 Uhr / Lesedauer: 2 min
Durch Gedankenkraft kann Andrew (Dane DeHaan) sogar Autos schrotten.

Durch Gedankenkraft kann Andrew (Dane DeHaan) sogar Autos schrotten.

Allmachtsfantasien gehören zur angeknacksten menschlichen Psyche wie der Fisch zum Karfreitagsessen eines gläubigen Katholiken. Sie sind Labsal fürs angeknackste Seelenleben und eine Art Pflaster für innere Verletzungen. Wie weit die individuelle Fantasie geht, liegt an der Schwere der emotionalen Schieflage. In jedem Fall aber ist es gut, dass sie nur Hirngespinste bleiben. Schlimmstenfalls gäbe es genügend Todeskandidaten. Denn nicht wenige unter uns wären wohl zu allem fähig.Videotagebuch Was Allmacht im konkreten Fall anrichten kann, zeigt „Chronicle“ in einer durchaus anspruchsvollen, dabei überraschend wenig moralisierenden Mischung aus Sci-Fi- und Highschool-Drama, zusammengesetzt aus den Mitschnitten „privater“ Videokameras. Zum Glück aber kennt Regisseur Josh Trank genügend Tricks, dass die Szenen damit nicht aufs Niveau eines optischen Wackelpuddings absinken. Er ist Profi genug, das scheinbar Amateurhafte zur steten Spannungssteigerung und zur intensiven Imitation von Authentizität zu nutzen. „Chronicle“ ist über weite Strecken ein eher karges Videotagebuch – am Ende aber kaum noch von einer der High-Budget verschlingenden Superheldengeschichten zu unterscheiden. Chaos und Zerstörung inklusive.Teenager lassen Teddys fliegen Eine dieser Kameras hält Andrew in Händen, Sohn eines brutalen Vaters und einer krebskranken Mutter – und in der Schule der geprügelte Außenseiter. Da kann man schon mal auf Gedanken kommen. Als Andrew und zwei seiner Klassenkameraden nachts zufällig einen Tunnel entdecken, in dem sich ein mysteriöses Wesen aufhält, ändert sich ihr Leben grundlegend. Denn irgendwie hat das Monstrum Kräfte auf sie übertragen, die übermenschlich sind. Zunächst setzen die drei Freunde diese telekinetische Energie spielerisch ein: Sie lassen Legosteine und Teddy-Bären schweben, verschieben Autos nur kraft ihrer Gedanken, fliegen selbst ein wenig durch die Lüfte. Lauter harmloser Kinderkram. Bis zu dem Tag, als sie von einem Autofahrer bedrängt werden, den der wütende Andrew mit aller Macht von der Fahrbahn zieht.Nie wieder Wut! Nun müssen Regeln her, um die Kräfte unter Kontrolle zu halten: Nie in Wut! Nie gegen Menschen gerichtet! Das geht aber nur so lange gut, bis die Freunde selbst untereinander in Streit geraten. Die entfesselten Fantasien werden nun zur allgemeinen Bedrohung. Mit subversivem Humor und gut dosierter Action trägt das bis zum bitteren Ende. Ein Volltreffer des Genres.