Eine Fremde ist Marie NDiaye gern

Nelly-Sachs-Preis

Als die Terroristen in Paris 130 Menschen ermordeten, befand sich Marie NDiaye in ihrem Haus in Südfrankreich. Dort gibt es keinen Fernseher. „Unser jüngster Sohn schrieb plötzlich eine SMS, dass es ihm gut geht. Da haben wir das Radio angeschaltet.“ So sehr die Attentate sie entsetzt haben, so war sie über die SMS erleichtert. Denn der jüngste Sohn der Nelly-Sachs-Preisträgerin lebt in Paris.

DORTMUND

, 11.12.2015, 16:49 Uhr / Lesedauer: 2 min
Marie NDiaye erhält am Sonntag den Nelly-Sachs-Preis der Stadt Dortmund. Die Tochter einer Französin und eines Senegalesen lebt seit 2007 in Berlin.

Marie NDiaye erhält am Sonntag den Nelly-Sachs-Preis der Stadt Dortmund. Die Tochter einer Französin und eines Senegalesen lebt seit 2007 in Berlin.

Marie NDiaye (48), die am Sonntag den mit 15.000 Euro dotierten Nelly-Sachs-Preis der Stadt Dortmund erhält, ist eine große Autorin. Aber eben auch eine Französin, geboren in Pithiviers bei Orléans, und Mutter von drei Kindern. Die Attentate von Paris haben sie tief erschüttert. „So eine Situation habe ich noch nie erlebt“, sagte sie gestern in Dortmund. „Man muss das erst einmal begreifen.“

Marie NDiaye ist aus Berlin angereist, wo sie seit 2007 mit ihrem Mann lebt, dem Schrifsteller Jean-Yves Cendrey. „Preise sind eine Belohnung, die man nicht erwartet“, sagte die bildschöne, elegant gekleidete Französin mit feinem Humor. „Als Schriftsteller ist man sehr einsam.“ Da seien Preise eine „große und reine Freude“, vor allem, wenn sie den Namen der jüdischen Autorin und Nobelpreisträgerin Nelly Sachs tragen: „Ich schätze sie seit langer Zeit.“

Weltbürgerin

Doch vergleichen will sie sich nicht mit Nelly Sachs, die 1940 vor den Nazis flüchten musste. Die Weltbürgerin NDiaye hat freiwillig in mehreren Ländern gelebt, sie schätzt es, eine Fremde zu sein. Mit ihrem Mann streift sie auf langen täglichen Spaziergängen durch die Straßen Berlins. „Das Gefühl der Unsicherheit mag ich sehr,“ sagte sie. „Man weiß nicht genau, wo Risiken und Gefahren liegen.“

Diese extreme Sensibilität spiegelt sich auch in ihrer Arbeit, die ihr 2007 den berühmten „Prix Goncourt“ eintrug, die höchste literarische Auszeichnung Frankreichs. Wer ihren aktuellen Roman „Ladivine“ liest, mag kaum glauben, wie exakt sich die komplizierten Gefühle zwischen Müttern und Töchtern beschreiben lassen. „Wenn ich schreibe, werde ich selbst zu dieser Person“, erklärt die Autorin. „Egal, ob es ein Mann, eine Frau oder ein Hund ist.“ Tatsächlich sind die Hunde die vielleicht seltsamsten und wichtigsten Gestalten des Romans.

Königin des Weglassens

Zugleich ist NDiaye die Königin des Weglassens. Dass ihre Texte wichtige Informationen erst spät preisgeben, erzeugt eine Spannung wie bei Stephen King (den sie tatsächlich schätzt), jedoch auf ungleich höherem literarischen Niveau.

Dass die zierliche Autorin mit der sanften Stimme auch politische Probleme anspricht, ist in Frankreich bekannt. Schon vor zehn Jahren thematisierte sie das Thema Migration mit ihrem Roman „Drei starke Frauen“. „Für mich sind die Migranten wahre Helden“, betonte sie gestern.

Rechtsruck in Frankreich

Der Rechtsruck ihrer Heimat, wo erst vergangene Woche Marine Le Pen und der Front National bei den Regionalwahlen viele Stimmen holten, hat sie entsetzt. Die Atmosphäre in Frankreich nennt sie „erfroren“. NDiaye: „Das ist alles sehr traurig.“

Doch es hat sie zum Glück nicht davon abgehalten, ein Buch über ein ganz unpolitisches Talent der Franzosen zu verfassen. Das Werk „La Cheffe – Roman eine Köchin“ ist vor drei Tagen fertig geworden.

Lesen Sie jetzt