„Elser“-Regisseur: "Ich nenne das Hellsichtigkeit"

Interview mit Oliver Hirschbiegel

Zum Jahrestag des Todes Georg Elsers bringt Regisseur Oliver Hirschbiegel den Film "Elser - Er hätte die Welt verändert" ins Kino, der das Leben und die Motive des Mannes nachzeichnet, der im November 1939 versucht hatte, Adolf Hitler zu ermorden. Cordula Dieckmann hat mit Hirschbiegel gesprochen.

MÜNCHEN

von Cordula Dieckmann

, 08.04.2015, 14:51 Uhr / Lesedauer: 2 min
„Elser“-Regisseur: "Ich nenne das Hellsichtigkeit"

Christian Friedel als Georg Elser

Elser wurde lange nicht als Widerstandskämpfer anerkannt. Andere, wie die Weiße Rose oder die Verschwörer des 20. Juli, waren viel prominenter. Woran liegt das?

Schlechte beziehungsweise keine existierende Lobby für Arbeiter. Das ist im ersten Reflex das, was ich sagen würde. Dann hat Elser von Anfang an diesen üblen Beigeschmack gehabt von Verräter, der von den Engländern und den Amerikanern gesteuert wurde. Das haben die Nazis ja genauso publiziert.

Was bewundern Sie an ihm?

Er ist der Einzige, der hellsichtig im Jahr 1938 sagte, dass die Nationalsozialisten gestoppt werden müssen, weil das sonst zu Blutvergießen führen wird und zu einer Katastrophe in Europa. Das ist natürlich in gewisser Weise in der Rückschau ein Schandfleck, dass er kein Intellektueller war, niemand aus der Elite, sondern ein kleiner mittelloser Schreiner aus dem Schwabenländle.

War es denn politische Weitsicht oder mehr ein Gefühl, aus dem heraus er das Attentat geplant hat?

Ich nenne das Hellsichtigkeit. Elser hatte das in sich, er war ein Freigeist, jemand, der an die Selbstentfaltung jedes Individuums glaubte. Eigentlich ein sehr heutiger Mensch.

Gibt es heute so viele Freigeister?

Ja, auf jeden Fall. Seit der Hippiezeit haben wir eine andere Haltung zum Leben, was wirklich Lebensqualität ist und was Freiheit bedeutet. Das Infragestellen jeglicher Autoritäten. Das hat alles in den 1960ern angefangen und das leben wir heute sehr viel mehr, als die Generationen vor uns. Wahrscheinlich würde Elser hier heute schwimmen wie ein Fisch im Wasser.

Man kann es aber auch so sehen, dass viele sich heute Autoritäten unterordnen, die weniger offensichtlich sind. Weniger politische als vielmehr gesellschaftliche Zwänge.

Und der Konsumzwang. Aber auch da wäre Elser mit Sicherheit einer von denen, die sagen würden, ich mache nicht mit. Das ist eine Form von Verordnung und Zwang, die ich nicht einsehe. Diese Verschwendung von Geld an Luxusartikel, dieses zwanghafte Anhäufen von Reichtum, das ist ungerecht im Vergleich zu all den anderen Menschen in der Welt, die hungern. Er wäre wahrscheinlich der Erste gewesen, der karitativ tätig wäre oder sich einer humanitären Sache verschrieben hätte.

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