Exakt notiertes Chaos von Lanza

Kammermusik-Tage

Die hohe Kunst des Virtuosen ist die vollständige Kontrolle über sein Instrument. Dafür übt er hart ein Leben lang, dass er selbst die physikalischen Tücken, die eigentlich unkalkulierbaren Launen seines Klangerzeugers auch noch im Zaume halten kann. In der neuen Musik ist genau das mitunter gar nicht mehr gewünscht.

WITTEN

01.05.2012, 15:35 Uhr / Lesedauer: 1 min
Das etablierte Arditti String Quartet brachte gemeinsam mit dem Jack Quartet aus New York Lanzas Komposition zur Uraufführung.

Das etablierte Arditti String Quartet brachte gemeinsam mit dem Jack Quartet aus New York Lanzas Komposition zur Uraufführung.

Die Klangerzeugung soll nicht bis ins Letzte kalkulierbar sein. Bei den Wittener Tagen für neue Kammermusik schickte der italienische Komponist Mauro Lanza zwei Streichquartette gemeinsam in den "Kampf zwischen Karneval und Fasten" und erhoffte sich ein wenig kreatives Chaos.Zwölf-Minuten-Werk

Es war das erste Mal, dass das etablierte Arditti String Quartet und das junge Jack Quartet aus New York gemeinsam in Witten auftraten. Eine Menge subversiver Witz steckt in Lanzas Zwölf-Minuten-Werk, was zum Teil auch daran liegt, dass Lanza den Streichern noch ein paar eigenwillige Geräuscherzeuger unter die Stühle gelegt hat, die klappern und scheppern, wenn man gegen sie tritt.

Lanza will das Unkalkulierbare einer Aufführung ausreizen, nennt seine Partitur ein "exakt notiertes Chaos". Ganz so willkürlich klingt es dann aber doch nicht. So lässt der Italiener die Streicher etwa in recht eingängigen Rhythmen auf ihren Stegen knarzen und kratzen, was durchaus kurzweilig und witzig ist.

Zum Abschluss am Sonntag gibt es dazu den Kontrast: Altmeister Emmanuel Nunes (70) ist zur Uraufführung seines Viersätzers "Peter Kien - eine akustische Maske" gekommen und überlässt darin nichts dem Zufall. Das Collegium Novum Zürich und das Experimentalstudio des SWR haben das Stück für Kammerorchester und Live-Elektronik auf die Bühne gebracht. Nunes hat einzelne Worte sowie rhythmische und melodische Aspekte aus einem Text von Elias Canetti extrahiert. Leider bleibt Nunes´ aufwändiges Werk sehr kryptisch und lässt den Zuhörer etwas ratlos zurück.