Experte zum Umgang mit der Corona-Pandemie: „Es gibt kein Universalrezept“

Coronavirus

Das Coronavirus hat den Alltag der Menschen in Deutschland verändert. Nick Modersitzki von der Uni Bielefeld hat erforscht, wie die Deutschen die Pandemie und deren Einschränkungen wahrnehmen.

Berlin

18.11.2020, 06:55 Uhr / Lesedauer: 4 min
Welche Maßnahmen wurden von welchen Persönlichkeitstypen als besonders restriktiv wahrgenommen?

Welche Maßnahmen wurden von welchen Persönlichkeitstypen als besonders restriktiv wahrgenommen? © picture alliance/dpa

Im Interview mit dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND) erzählt der Persönlichkeitspsychologe, welche Rolle bei der Wahrnehmung der Pandemie auch die eigene Persönlichkeit spielt.

Herr Modersitzki, Sie forschen im Bereich der Persönlichkeitspsychologie. Was umfasst dieses Forschungsfeld?

Es ist ein relativ kleiner, aber wichtiger Forschungsbereich innerhalb der Psychologie. Er beschäftigt sich vor allem damit, Unterschiede im Verhalten, im Denken, in der Wahrnehmung, in den Gefühlen sowie in den Zielen und Motivationen von Menschen zu beschreiben, zu erklären und vorherzusagen. Dabei geht es zum einen um Unterschiede zwischen Personen und zum anderen darum, wie sich einzelne Personen in verschiedenen Situationen verhalten und wie sie diese Situationen erleben.

Sie und weitere Kollegen der Universität Bielefeld haben im April untersucht, wie die Corona-Pandemie und die daraus resultierenden Einschränkungen von unterschiedlichen Personen und Persönlichkeiten wahrgenommen werden. Was haben Sie herausgefunden?

Wir konnten grundsätzlich feststellen, dass die mehr als 1300 Teilnehmer unserer Online-Befragung bestimmte Maßnahmen als besonders restriktiv erlebt haben. Das waren insbesondere zum Beispiel die Kontaktbeschränkungen, der Verzicht auf Reisen und Partys sowie die Schließungen von Restaurants und Sporteinrichtungen.

Wir haben uns dann angeschaut, wie die unterschiedlichen Persönlichkeitseigenschaften mit der Wahrnehmung der Einschränkungen zusammenhängen. Und da konnten wir feststellen, dass Personen, die extravertiert sind – also energetischere, aktivere, kontaktfreudigere Menschen –, die Maßnahmen generell als besonders einschränkend erlebt haben.

Insbesondere Maßnahmen, die das soziale Leben stillgelegt haben. Interessanterweise war es aber nicht so, dass extravertierte Menschen gesagt haben, dass sie sich weniger an die Regeln halten oder die Maßnahmen weniger sinnvoll finden. Auch einfühlsame und hilfsbereite Menschen haben die Kontaktbeschränkungen, zum Beispiel den Verzicht auf Begegnungen mit älteren und chronisch kranken Menschen, als besonders restriktiv empfunden.

Welche Maßnahmen wurden denn als weniger einschränkend wahrgenommen?

Zum Beispiel die Verhaltensregeln hinsichtlich der Hygiene – also das regelmäßige Händewaschen oder das Husten und Niesen in den Ellenbogen. Auch dass Spielplätze geschlossen wurden und auf die Nutzung des öffentlichen Nahverkehrs verzichtet werden sollte, wurde von den Teilnehmern im Schnitt als weniger einschränkend wahrgenommen. Von diesen Maßnahmen waren aber viele Personen sicher auch gar nicht oder kaum betroffen.

Sie sagten, dass extravertierte Menschen die Maßnahmen als restriktiver wahrnehmen. Heißt das dann, dass sie mit der Pandemie insgesamt schlechter umgehen können?

Wir wissen aus der persönlichkeitspsychologischen Forschung, dass extravertierte Menschen generell ein höheres Wohlbefinden haben, also zufriedener mit ihrem Leben sind und mehr positive Emotionen erleben. Das hat sich auch in unserer Studie gezeigt. Trotz des Lockdowns hatten extravertierte Menschen grundsätzlich ein höheres Wohlbefinden. Das heißt, Extraversion war auch während des Lockdowns förderlich für das Wohlbefinden der Menschen. Aber es sieht so aus, als wäre es weniger förderlich als unter normalen Bedingungen. Denn der Zusammenhang zwischen Extraversion und Wohlbefinden war während des Lockdowns geringer, als es normalerweise der Fall ist.

Wie erklären Sie sich das?

Eine mögliche Erklärung wäre, dass extravertierte Menschen davon profitieren, dass sie viele soziale Kontakte haben und vielen Aktivitäten nachgehen. Das alles trägt wahrscheinlich dazu bei, dass sie in der Regel ein sehr hohes Wohlbefinden haben. Und das sind alles Sachen, die während des Lockdowns nur sehr eingeschränkt möglich waren. Deswegen haben extravertierte Menschen zwar immer noch ein höheres Wohlbefinden als introvertierte, aber der Unterschied ist nicht mehr so groß wie vor der Pandemie.

Wie gehen Menschen mit der Pandemie um, die viele negative Emotionen erleben?

Was die Bewältigung der Corona-Krise angeht, waren Menschen mit hoher negativer Emotionalität auffällig pessimistisch. Diese Personen haben im Schnitt ohnehin ein generell geringeres Wohlbefinden. Das hat sich während des Lockdowns im Frühjahr nicht verändert. Allerdings deutet unsere Forschung nicht darauf hin, dass Personen mit hoher negativer Emotionalität mehr unter dem Lockdown gelitten haben als andere.

Wie sehr hat sich die Pandemie denn generell auf das Wohlbefinden der Menschen ausgewirkt?

Bisherige psychologische Studien aus verschiedenen Ländern deuten darauf hin, dass sich die Pandemie im Schnitt negativ auf das Wohlbefinden und die psychische Gesundheit auswirkt. Das würde man wahrscheinlich auch so erwarten. Die Menschen machen sich Sorgen – zum Beispiel um ihre Gesundheit oder ihren Arbeitsplatz – und müssen in ihrem Alltag neue Herausforderungen meistern. Während eines Lockdowns müssen wir zudem auf viele Dinge verzichten, die förderlich für unser Wohlbefinden sind.

Die durchschnittliche Veränderung im Wohlbefinden ist aber weniger stark als man vielleicht vermuten würde. Viele Menschen scheinen also eigentlich ganz gut mit der Situation zurechtzukommen. Für einige Menschen wirkt sich die aktuelle Pandemie aber natürlich sehr negativ auf deren Wohlbefinden aus. Das kann an vielen Faktoren liegen, wie zum Beispiel ungünstige Lebensbedingungen, finanzielle Unsicherheit oder psychische Erkrankungen.

Welche Rolle spielt das Alter bei der Wahrnehmung der Pandemie?

Da gibt es durchaus einige Zusammenhänge. Zum Beispiel haben wir beobachtet, dass die Kontaktbeschränkungen und die begrenzten Freizeitangebote vor allem von jüngeren Teilnehmern als einschränkend erlebt wurden. Ältere Personen haben zum Zeitpunkt des Lockdowns diese Maßnahmen als weniger einschränkend empfunden. Hinsichtlich des Wohlbefindens hatten wir hingegen keine Alterseffekte. Man kann also nicht sagen, dass es Jüngeren während des Lockdowns besser oder schlechter ging als Älteren.

Was bedeuten Ihre Ergebnisse für den Umgang mit der Pandemie?

Da sind wir sehr vorsichtig. Unsere Forschung zur Corona-Krise sollte nicht direkt in politische Entscheidungen übersetzt werden, sondern wir müssen jetzt schauen, was andere Studien herausgefunden haben. Aber ich denke auf jeden Fall, dass unsere Studie ein Beitrag ist, um zu zeigen, dass Personen – nicht nur aufgrund ihrer unterschiedlichen Lebensbedingungen, sondern auch aufgrund ihrer verschiedenen Persönlichkeiten – während der Pandemie unterschiedlich betroffen sind. Erst das kumulative Wissen aus ganz vielen Studien kann irgendwann zum Beispiel genutzt werden, um individuelle Bedürfnisse und Herausforderungen zu erkennen und zu verstehen und diese bei der Kommunikation von Maßnahmen an unterschiedliche Personen zu berücksichtigen.

Welche Tipps haben Sie, um besser mit der Pandemie und den Einschränkungen umgehen zu können?

An dieser Stelle muss ich als Persönlichkeitspsychologe sagen, dass es kein Universalrezept gibt, das allen Menschen gleichermaßen helfen kann. Aber in unserer Studie zeigte sich, dass Personen in der Regel ein höheres Wohlbefinden hatten, wenn sie im Alltag mehr soziale Kontakte und Interaktionen pflegten. Das lässt sich mit ein bisschen Kreativität und Initiative auch während eines Lockdowns realisieren, zum Beispiel durch Videoanrufe mit Freunden. Oder man geht zu zweit draußen spazieren.

Ich glaube, dass die meisten Personen während des Lockdowns von sozialen Interaktionen profitieren. Aber am Ende kennt sich jeder selbst am besten. Wichtig ist auch, dass man ehrlich zu sich selbst ist – vor allem wenn man merkt, dass es einem gerade nicht so gut geht, dass man also durchaus unter der Situation leidet. Das ist ganz normal. Das hat nichts mit Schwäche zu tun.

Wie versuchen Sie selbst, mit der Corona-Krise besser umzugehen?

Mein persönliches Rezept ist frische Luft und soziale Kontakte. Ich habe gemerkt, dass es mir gut tut, wenn ich regelmäßig nach draußen gehe – und wenn ich nur ein Mal um den Häuserblock laufe. Ich wohne mit meiner Freundin zusammen, das hilft auf jeden Fall auch. Und mir ist eben wichtig, meine sozialen Kontakte aufrechtzuerhalten. Also regelmäßig mit Freunden und Familie zu sprechen. Allerdings sind das auch Sachen, die ich selbst gerne vergesse, vor allem wenn ich viel zu tun habe. Dann muss ich mich selbst erst wieder daran erinnern.

RND

Schlagworte: