Experten erwarten Start der vierten Welle

RKI zur Corona-Lage

Die Zahl der Neuinfektionen steigt. Experten befürchten bis Oktober einen exponentiellen Anstieg. Die vierte Welle dürfte sich trotz der Impfungen auch in Krankenhäusern bemerkbar machen.

Berlin

17.07.2021, 16:54 Uhr / Lesedauer: 3 min
Deutschlandweit wurden binnen 24 Stunden 22 neue Todesfälle verzeichnet.

Deutschlandweit wurden binnen 24 Stunden 22 neue Todesfälle verzeichnet. © Julian Stratenschulte/dpa/dpa-tmn

Steigende Infektionszahlen und teils stagnierende Impfzahlen befeuern in Deutschland die Sorge vor einer vierten Corona-Welle im Herbst.

Die Sieben-Tage-Inzidenz stieg den zehnten Tag in Folge und lag nach Angaben des Robert Koch-Instituts (RKI) vom Samstagmorgen bei 9,4 - nach 8,6 am Vortag und 4,9 beim jüngsten Tiefststand am 6. Juli. Während etwa in Bremen und im Saarland nach Daten des RKI vom Samstag nun schon mehr als jeder Zweite vollständig immunisiert ist, entspricht das bei Schlusslicht Sachsen nur dem Anteil der Erstgeimpften. Wissenschaftler der Technischen Universität Berlin (TU) erwarten indes auf Basis von Modellierungen eine vierte Welle im Herbst, die auch an Krankenhäusern nicht vorbeigehen wird.

„Die Infektionszahlen steigen wieder und absehbar weiter - wir sind beim Impfen im Wettlauf mit der Delta-Variante. Jede einzelne Impfung erhöht unser aller Schutz für Herbst und Winter", twitterte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) am Samstag.

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Laut RKI wurden am Freitag in Deutschland 601 220 Impfdosen verabreicht. Damit sind nun rund 38,2 Millionen Menschen oder 45,9 Prozent der Bevölkerung vollständig gegen Covid-19 geimpft, wofür bei den meisten eingesetzten Impfstoffen zwei Dosen nötig sind. Insgesamt haben 59,7 Prozent oder rund 49,6 Millionen Einwohner mindestens die erste Spritze erhalten. Die Gesundheitsämter meldeten dem RKI binnen eines Tages 1608 Neuinfektionen. Vor einer Woche waren es 952.

Deutschlandweit wurde nach Angaben des RKI vom Samstag binnen 24 Stunden 22 Todesfälle verzeichnet. Vor einer Woche waren es 35. Das RKI zählte seit Beginn der Pandemie 3.743.389 nachgewiesene Infektionen mit Sars-CoV-2. Die tatsächliche Gesamtzahl dürfte deutlich höher liegen, da viele Infektionen nicht erkannt werden.

Künftig sollen bei der Beurteilung der Lage neben der Inzidenz auch Werte wie Krankenhauseinweisungen stärker berücksichtigt werden. Dafür plädierte auch die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer. Bund und Länder sollten sich auf einen „neuen Warnwert" verständigen. Bei steigenden Impfquoten habe die Sieben-Tage-Inzidenz heute viel weniger Aussagekraft als noch vor einem halben Jahr, sagte die SPD-Politikerin den Zeitungen der Funke Mediengruppe (Samstag).

Hausärzte fordern Berücksichtigung der Lage in den Praxen

Der Deutsche Hausärzteverband forderte zudem, neben den Fallzahlen die Lage in den Arztpraxen zu berücksichtigen. „Für unser tägliches Arbeiten sind die reinen Inzidenzzahlen nicht so entscheidend wie die Zahl der Patientinnen und Patienten, die mit mittleren und schweren Symptomen unsere Praxen aufsuchen", sagte Verbandschef Ulrich Weigeldt dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND/Samstag). Deutlich zu spüren sei aber die nachlassende Impfbereitschaft.

Dreyer sprach sich dafür aus, bei der Ministerpräsidentenkonferenz im August über die Aufhebung sämtlicher Corona-Beschränkungen zu beraten. Es stelle sich die Frage: «Wie viel Grundrechtseinschränkung geht überhaupt noch, wenn Ende August alle Erwachsenen ein Impfangebot bekommen haben?" Einschränkungen für Nicht-Geimpfte bis hin zu Reiseverboten lehnte sie ab. „Das würde vor allem Familien treffen. Selbst wenn die Eltern geimpft sind, könnten Sie nicht reisen, wenn die Kinder nicht geimpft sind», sagte Dreyer.

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Wissenschaftler an der TU Berlin werten den Anstieg der Sieben-Tage-Inzidenzen als „beunruhigend". „Laut unseren Simulationen wird im Oktober ein exponentieller Anstieg bei den Krankenhauszahlen starten. Falls die derzeitige Entwicklung anhält, wird dies sogar früher beginnen, und sich im Oktober dann nochmal verstärken", heißt es im neuen Bericht der Gruppe um den Mobilitätsforscher Kai Nagel an das Bundesministerium für Bildung und Forschung.

Nur wenn die Impfstoffe gegen die Deltavariante deutlich besser wirkten als derzeit bekannt oder wenn eine Impfquote von 95 Prozent erreicht werde, bleibe eine vierte Welle in den Simulationen aus. Das Modell ergebe «unter allen derzeit realistisch erscheinenden Bedingungen eine vierte Welle bei den Erwachsenen, welche mit der Verlagerung von Aktivitäten in Innenräume im Herbst verstärkt werden wird.» Das Team um Professor Nagel nutzt Berliner Mobilfunkdaten, um das Infektionsgeschehen zu modellieren. Die Ergebnisse sind ihm zufolge mindestens auf andere Großstädte übertragbar.

Die Simulationen zu Schulen zeigen laut Bericht, dass Lüftungssysteme und flächendeckender Einsatz von Schnell- und/oder PCR-Tests die Infektionsdynamik verringern könnten. Würden solche Maßnahmen konsequent umgesetzt, seien Schulschließungen oder Wechselunterricht nicht notwendig, hieß es. Die zwei Schnelltests pro Woche, die derzeit typisch seien, halten die Wissenschaftler ohne zusätzliche Maßnahmen allerdings bei weitem nicht für ausreichend.

Infektionswelle bei Schülern droht

Würden die Schulen nach den Sommerferien ohne Schutzmaßnahmen geöffnet, ergäbe sich laut Modell eine Infektionswelle bei den Schülerinnen und Schülern, die zu einer Welle bei Erwachsenen führe. Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) sprach sich strikt gegen erneute Schulschließungen aus - und für die Impfung von Kindern und Jugendlichen. Offene Schulen und Kindergärten seien eine Frage der Bildungsgerechtigkeit, aber auch der psychischen Gesundheit von Kindern und Familien, sagte er der „Rheinischen Post" (Samstag).

Arbeitgeberpräsident Rainer Dulger warnte vor einem Nachlassen des Impftempos in Deutschland. „Wir müssen aufpassen, dass wir das Erreichte nicht verspielen", sagte der Präsident der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) der Deutschen Presse-Agentur in Berlin. „Wir müssen weiter impfen, impfen, impfen, damit sich die Lage weiter stabilisiert."

Dulger schlug vor, dass sich Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier oder Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) vor den 20-Uhr-Nachrichten an die Bürger wenden und sagen: „Liebe Leute, wir sind noch nicht übern Berg. Bitte lasst euch impfen. Es ist jetzt genügend Impfstoff da." Dies wäre „ein gutes Signal".

dpa

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