Experten zweifeln Eiweiß-Brot an

Neuer Diät-Trend

Ein belegtes Brot gehört für die meisten Deutschen zum Abendessen dazu. Doch Abnehmwillige und Diätgurus kratzen am Ruf der guten, alten Stulle: Sie liefere zu viele dick machende Kohlenhydrate. Viele Bäckereien bringen „Eiweiß-Brote“ als Alternative auf den Markt. Ernährungsexperten sind skeptisch.

NRW

von Von Alexandra Heimken

, 06.03.2012, 14:39 Uhr / Lesedauer: 2 min
Das klassische Butterbrot hat bei vielen Deutschen ausgedient - immer mehr greifen zum kohlenhydratarmen Eiweiß-Brot.

Das klassische Butterbrot hat bei vielen Deutschen ausgedient - immer mehr greifen zum kohlenhydratarmen Eiweiß-Brot.

Hintergründe zum Eiweiß-Brot-Boom:

Was ist ein Eiweiß-Brot? Diese Sorte enthält deutlich weniger Kohlenhydrate als ein herkömmliches Brot. Eine große Bäckereikette wirbt, dass ihr Produkt nur sechs Prozent Kohlenhydrate, aber 21 Prozent Eiweiß enthalte. Bei einem anderen Produkt sollen es sogar 33 Prozent sein. Ein „normales“ Weizenmischbrot besteht etwa zu 44 Prozent aus Kohlenhydraten und zu fünf Prozent aus Eiweiß. Die Hersteller empfehlen, das Protein-Gebäck abends statt dem 08/15-Bütterchen zu essen – das soll figurfreundlicher sein.

Wer sagt, dass es schlecht ist, abends Kohlenhydrate zu essen? Die Hersteller der Eiweiß-Brote verweisen auf verschiedene Diät-Konzepte zur Kohlenhydratminimierung, zum Beispiel auf die Atkins-Diät. Demnach sei es gesünder, die tägliche Kohlenhydrat-Zufuhr (zum Beispiel aus Brot, Kartoffeln oder Nudeln) auf ein Minimum zu senken. Die Diät-Erfinder gehen davon aus, dass Kohlenhydrate sich negativ auf den Stoffwechsel auswirken und Übergewicht fördern können. Besonders vor dem Schlafengehen soll – so besagt es das „Schlank-im-Schlaf“-Prinzip – auf die schnellen Energiespender verzichtet werden, damit die körpereigene Insulinausschüttung während der Nachtruhe gering gehalten wird – das soll den Abbau von Fettreserven fördern.

Gibt es Kritik an den Eiweiß-Diäten? Durchaus. Ernährungsexperten zweifeln am Sinn. „Es kommt nicht darauf an, wann am Tage ich einen Nährstoff zu mir nehme – sondern auf die gesamte Tagesbilanz“, erklärt Guido Ritter, Professor für Lebensmittelrecht, Lebensmittelsensorik und Produktentwicklung an der FH Münster. Ein Zuviel, vor allem an tierischem Eiweiß, sei schädlich für die Nieren. Bei Menschen mit Übergewicht könne ein überhöhter Eiweißkonsum sogar das Diabetesrisiko ansteigen lassen.

Wenn kein Mehl drin ist im Eiweiß-Brot – was dann? Je nach Rezept Mandeln, Sonnenblumenkerne, Leinsamen, Kleie, Soja oder Lupine. Gluten erhöhen häufig den Anteil an Klebereiweiß. Die Protein-Brote enthalten mit bis zu 17 Prozent mehr Fett als ein normales Misch- oder Vollkornbrot. „Diese Brote haben oft mehr Kalorien als ein herkömmliches Brot, daran sollten Verbraucher denken“, sagt Antje Gahl, Sprecherin der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) in Bonn.

Was halten Ernährungsexperten vom Brot-Trend? „Ich glaube nicht, dass die Brote die Lösung für Menschen mit Gewichtsproblemen sind, da spielen zu viele andere Faktoren hinein“, sagt DGE-Sprecherin Gahl. „Wir sagen: Die Produkte sind weder schädlich noch sinnvoll.“ Neben dem größeren Fettgehalt sei auch der deutlich höhere Preis der Protein-Laibe ein Minuspunkt. „Positiv anzumerken ist, dass diese Brote einen hohen Ballaststoffanteil haben“, sagt Gahl. Ernährungsexperte Guido Ritter hält die Eiweiß-Brote, die derzeit auf dem Markt sind, für „sehr künstlich“: „Ich frage mich: Ist es im Sinne des Erfinders, mit Eiweißextrakten ein Kunstbrötchen herzustellen?“

Wie kommen die Eiweiß-Brote denn in der Bäcker-Branche an? Einige Bäcker kritisieren den Trend. In Internetforen machen sie ihrem Unmut über die Konsistenz und den Geschmack der kohlenhydratarmen Stullen Luft. Stefan Agethen, stellvertretender Sprecher der Bäckerinnung Rhein-Ruhr, drückt sich indes diplomatischer aus: „Eiweiß-Brot schmeckt gut und für eine bestimmte Zielgruppe ist es sicher sinnvoll.“ Allerdings fügt der Bäckermeister hinzu: „Es ist ein Trend-Brot – und dieser Trend wird wieder vorbeigehen.“ Und: „Von einem klassischen, saftigen Roggenbrot mit starker Kruste haben Sie sicher mehr.“