Expertin: Viele Menschen dopen sich im Alltag

Interview

Mit Tabletten zur Traumfigur: Dopingmittel sind im Alltag vieler Menschen angekommen. Dies hänge stark mit der heutigen Leistungsgesellschaft zusammen, sagt Sportwissenschaftlerin Johanna Schirm im Interview. Sie erklärt auch, wann man abhängig ist.

Münster

29.04.2015, 16:23 Uhr / Lesedauer: 1 min
Die Wissenschaftlerin ist selbst eine überzeugte Sportlerin.

Die Wissenschaftlerin ist selbst eine überzeugte Sportlerin.

Die Expertin referierte am Mittwoch beim 8. Nordrhein-Westfälischen Kooperationstag „Sucht und Drogen“ zum Thema „Schlanker schlauer schöner? Alltagsdoping und Geschlechterunterschiede“ in Münster.

Gegen Stress greifen immer mehr Menschen zu Tabletten oder Energiedrinks. Woher kommt das Verlangen nach diesem Alltagsdoping, wie Sie es nennen? Ich denke, das hängt mit unserer Leistungsgesellschaft zusammen. Wir wollen immer schneller, höher, weiter. Ein Beispiel ist das heutige Schönheitsideal: Man muss einen guten, fitten und muskulösen Körper haben und Falten sind tabu, auch wenn man schon auf die 40 zugeht. Die Medien spielen hier eine große Rolle, sie schaffen verfälschte Vorbilder. Die Menschen sehen sich dem Druck ausgesetzt, diesem Wunschbild zu entsprechen - und greifen dann zu Hilfsmitteln.

Inwiefern unterscheiden sich Männer und Frauen im Einsatz von Aufputschmitteln? Erstaunlicherweise gibt es da tatsächlich Unterschiede. Frauen greifen eher nach Antidepressiva und Beruhigungsmitteln. Bei Männern sind es vermehrt Medikamente gegen Gedächtnisprobleme oder Müdigkeit. Beim Sport im Fitnessstudio ist der Eiweißshake obligatorisch. Viel Ertrag mit möglichst wenig Zeitaufwand ist da die Maxime.

Wie erkenne ich, dass ein Mensch aus meinem Umfeld süchtig nach Alltagsdoping ist? Die klassischen „Alltags-Suchtmittel“ Kaffee, Alkohol und Zigaretten sind in der Gesellschaft bekannt und geduldet. Es geht eher um die Frage, wann eine Abhängigkeit anfängt. Ist es schon das Feierabendbier, der morgendliche Kaffee oder die berühmte Zigarettenpause? Ich denke, die Menge ist entscheidend. Die Grenzen verschwimmen da ein bisschen, das macht es schwierig, darüber zu reden.

Johanna Schirm (34) lehrt am Institut für Sportwissenschaft an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Die Sportwissenschaftlerin befasst sich unter anderem mit der Behandlung des Themas Doping in den Printmedien.