Fall Marvin: „Ich kann nicht vor dem Menschen aussagen, der mir all das angetan hat.“

rnLandgericht Bochum

Der jahrelang als vermisst geltende Marvin hat sich in einem Brief strikt geweigert, im Beisein seines mutmaßlichen Peinigers auszusagen. Die Richter sind nun in einer Zwickmühle.

Bochum

, 24.08.2020, 19:25 Uhr / Lesedauer: 2 min

Im Prozess um den Fall Marvin ist die ursprünglich für Montag vorgesehene Vernehmung des Belastungszeugen kurzfristig abgesagt worden. Der heute 16-jährige Marvin hatte sich in einem aktuellen Brief an seine Anwältin geweigert, im Beisein des Angeklagten auszusagen und darin unter anderem erklärt: „Ich kann nicht vor dem Menschen aussagen, der mir all das angetan hat.“

Der Weigerungs-Brief wurde am Montag am verlesen

Die Bochumer Richter hatten den Antrag der Nebenklage, den Angeklagten Lars H. während der Vernehmung Marvins aus dem Saal zu entfernen, bereits Anfang Juli abgelehnt. Weil das Oberlandesgericht in Hamm vor knapp zwei Wochen eine diesbezügliche Beschwerde von Marvins Anwältin als unbegründet verworfen hatte, war nun ein Vernehmungstermin festgelegt und Marvin offiziell für Montag als Zeuge vorgeladen worden.

Als den Richtern jedoch am vergangenen Freitag der Brief Marvins zugeleitet worden war, hatten sie die Zeugenladung des Teenagers kurz danach telefonisch zurückgenommen. Der Weigerungs-Brief wurde am Montag am Bochumer Landgericht verlesen. „Ich werde nicht aussagen, wenn der Angeklagte nicht den Saal verlassen hat“, schreibt Marvin seiner Anwältin. „Ich schaffe das einfach nicht.“

Wie es jetzt genau weitergeht, ist unklar

Wie es jetzt genau weitergeht, ist unklar. „Wir überlegen, ein Gutachten einzuholen, inwieweit eine Aussage in Gegenwart des Angeklagten Marvin belastet“, sagte Richter Stefan Culemann. Theoretisch könnte das Gericht dem sich weigernden Marvin auch Zwangsmaßnahmen androhen – aber so weit will offenbar nun wirklich niemand gehen.

Nebenklageanwältin Marie Lingnau brachte am Montag noch einmal das Szenario einer „audiovisuellen Vernehmung“ Marvins (Bild-und-Ton-Übertragung aus einem anderen Saal) ins Gespräch. Spätestens nach einem neuen ärztlichen Attest, so die Nebenklageanwältin weiter, wonach bei einer Konfrontation Marvins mit Lars H. mit einem „psychischer Zusammenbruch“ zu rechnen sei, solle man diese Variante doch noch einmal ernsthaft prüfen.

Der Angeklagte schweigt zu den Vorwürfen

Lars H. soll den anfangs 13-jährigen Marvin zweieinhalb Jahre in seiner Wohnung in Recklinghausen versteckt, mit Geld und Zigaretten belohnt und hundertfach sexuell missbraucht haben. Zu den Vorwürfen schweigt der 45-Jährige seit Prozessbeginn. Seine Verteidiger betonten am Montag, dass es auch weiterhin dabei bleibe, das Lars H. schweigt. Auch weigerte sich der 45-jährige Angeklagte am Montag, für ein bevorstehendes Stimmgutachten zur Klärung der Identität des Sprechers auf beschlagnahmten Audio-Dateien eine Vergleichsprobe abzugeben.

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