Familien-Epos mit Kohlenpottschnauze

Ruhrtriennale: "Liebe"

Mehr als 20 Jahre lang beschäftigte sich Émile Zola mit seinem Romanzyklus "Die Rougon-Macquart". Jedes Jahr brachte er einen neuen Band heraus und entwarf darin eine weit verzweigte Familiengeschichte, in der sich die gesamte französische Gesellschaft widerspiegelte. Theaterregisseur Luk Perceval hat sich vorgenommen, das Monumentalwerk in drei Teilen bei der Ruhrtriennale auf die Bühne zu bringen. Mit "Liebe" hatte nun der erste Teil Premiere.

DUISBURG

von Von Karsten Mark

, 10.09.2015, 13:57 Uhr / Lesedauer: 1 min
Familien-Epos mit Kohlenpottschnauze

Perceval zeigt Liebe in vielen Facetten.

Zwei Stunden dauert "Liebe". Die Zeit ist also ziemlich knapp, um eine Menge Geschichten zu erzählen. Da wundert es kaum, dass Perceval mit dem Ensemble des Hamburger Thalia Theaters ein gehöriges Tempo vorlegt.

Straff erzählt

Das Stück ist straff durcherzählt, die Montage der Szenen ist nahtlos. Und doch gerät der Zuschauer niemals in Gefahr, den Anschluss zu verlieren. Perceval beweist einen guten Blick fürs Wesentliche; verliert sich nicht in unwichtigen Nebensträngen. Und das Personal bleibt übersichtlich.

Im Zentrum steht Dr. Pascal, der auf eine Evolution im Kleinen, eine Verbesserung des Menschen innerhalb der Familie hofft und diese deshalb erforscht. Eines seiner Forschungsobjekte ist die Wäscherin Gervaise, die sich mit ihren Kinder unter ärmlichsten Umständen durchschlagen muss. Zola schrieb seinen Roman Ende des 19. Jahrhunderts zu Zeiten der Industrialisierung. Perceval hat an der Zeit nichts geändert.

Abgerutscht

Die Regie schafft allerdings räumliche Nähe zum Aufführungsort. Tilo Werner etwa spricht als Trunkenbold Coupeau mit erstaunlich authentischer Kohlenpottschnauze. Auf der wellenförmigen Spielfläche rutscht er immer wieder in den Abgrund, bis er am Suff krepiert wie seine Frau.

Termine: 11./ 12./13. 9.; Karten : Tel. (0221) 280210.