Fassbinders "Der Müll, die Stadt und der Tod" feierte Premiere

Theater an der Ruhr

MÜLHEIM Das Theater an der Ruhr hat gewagt - und gewonnen. 34 Jahre nach seiner Entstehung ist Rainer Werner Fassbinders Stück "Der Müll, die Stadt und der Tod" zum ersten Mal in Deutschland öffentlich zu sehen.

von Von Bettina Jäger

, 02.10.2009 / Lesedauer: 3 min

Und zwar im Rahmen eines bildmächtigen, bunten, bizarren Fassbinder-Abends, der den Autor endlich vom Verdacht des Antisemitismus befreit. Bei der Premiere von "Fassbinder" am Donnerstagabend blieben die Proteste aus. Nur die höfliche Frage eines Theatermitarbeiters an der Eingangstür, ob man denn Plätze reserviert habe, unterschied diesen Abend von anderen.

1985 hatte das Stück "Der Müll, die Stadt und der Tod" den größten Theaterskandal der Nachkriegszeit ausgelöst. Es war als "Nutten-Schnulze" und "antisemitisches Schmierstück" geschmäht worden. Es ist weder das eine noch das andere, sondern in der sensiblen Regie Roberto Ciullis und der klugen Dramaturgie Helmut Schäfers eine tief bewegende, fast vier Stunden dauernde Kärrnerarbeit an der deutschen Geschichte. Denn sie haben den Text mit zwei anderen Stücken Fassbinders kombiniert - mit "Nur eine Scheibe Brot" und "Blut am Hals der Katze".

 Erklärt uns hier Rainer Werner Fassbinder die Welt oder erklärt uns Roberto Ciulli die Fassbinder-Welt? Jedenfalls wandelt Simone Thoma durch diese drei bundesrepublikanischen Sittengemälde, als sei sie die kindliche Seele des Regisseurs Fassbinder, als (alb-) träume sie das Fortdauern braunen Gedankengutes.

Diese Ausnahme-Schauspielerin, die mit ihrer knabenhaften Figur die Grenzen des Geschlechtlichen vollkommen aufhebt, ist ein somnambuler Pennäler in kurzen Hosen (Kostüme: Heinke Stork), ein Beobachter, ein Verzweifelter. Als Filmregisseur Hans Fricke muss sie im Stück "Nur eine Scheibe Brot" erkennen, dass sich das KZ Auschwitz nicht nachspielen, dass sich das Unbegreifliche nicht darstellen lässt. Wer das schreibt, kann kein Antisemit sein.

Aber vielleicht waren es ja diese Vorwürfe, die den 75-jährigen Ciulli zu einer seiner besten Inszenierungen anstachelten. Für "Der Müll, die Stadt und der Tod" hat Bühnenbildner Thomas Hoppensack das einstige Solbad Raffelberg in eine Unterführung verwandelt. Finstere Nischen, ein quälender Dauerton, Freier umschleichen die Huren. Hier beginnt ein böses Märchen, nämlich die bizarre Liebesgeschichte zwischen Roma B. und "dem reichen Juden", der im Sarg herbeigerollt wird.

Für Simone Thoma genügt eine Wollmütze, um alt auszusehen. Ihr reicher Jude tut die Drecksarbeit für die Stadt, ist ein Überlebender, körperlich zerstört, seelisch ausgezehrt, die dünnen Beinchen tragen den Körper nicht: ein zerbrochener Mann. Eine Sicht, die ohne massive Textkürzungen wohl nicht so überzeugend gelungen wäre. Manch ein provozierender Satz fehlt.

Mit dem "Blut am Hals der Katze" hat Ciulli dann noch ein Satyrspiel angehängt - ein Typenkabinett grässlicher Spießer. Als Phoebe Zeitgeist küsst Simone Thoma diese Deutschen zu Tode - und arrangiert sie zu Posen unter bunten Lichtern. So erzählt ein (etwas zu langer) Abend an seinem Ende, wie ein Regisseur an Widerständen wächst - und dass er sich am Ende endlich, endlich nach Dutzenden ungerauchter Zigaretten eine davon anzünden darf.

Heftiger Beifall, Bravo-Rufe für Simone Thoma.

 

Schlagworte: