Feiern nur noch im kleinen Kreis – welche Beschränkungen sind sinnvoll?

Coronavirus

Gesundheitsminister Spahn denkt über Beschränkungen für private Feiern nach. Bei Familienfesten würden die Abstandsregeln nicht eingehalten. Verbote ließen sich aber nur unzureichend durchsetzen.

von Irene Habich

, 19.08.2020, 04:30 Uhr / Lesedauer: 3 min
Bilder wie dieses aus einer Diskothek in Madrid Ende Juli machen den deutschen Behörden Sorgen – Feiern im Freien hingegen ist dagegen eher unkritisch.

Bilder wie dieses aus einer Diskothek in Madrid Ende Juli machen den deutschen Behörden Sorgen – Feiern im Freien hingegen ist dagegen eher unkritisch. © picture alliance/dpa

Im ZDF-“heute-journal“ sagte Jens Spahn, er sei besorgt über ein lokales Ausbruchsgeschehen, das „mit Feiern, Feierlichkeiten, Ausgelassensein zusammenhängt.“ Bei einer Familienfeier sei es schon bei 15 bis 20 Gästen nach zwei, drei Bier „echt schwer, alle daran zu erinnern wie die Regeln sind“. Er könne zwar verstehen, dass man zum Beispiel eine Hochzeit mit 150 Gästen feiern wolle. Aber „gesellige Veranstaltungen“ zu denen Menschen „meistens auch mit Alkohol verbunden“ zusammenkommen, seien ein besonderes Risiko. Daher würden solche Veranstaltungen als erstes wieder in den Blick geraten, wenn man über Beschränkungen nachdenke.

Immer mehr Tests bei symptomlosen Personen

Doch sind private Feiern wirklich das größte Problem beim Infektionsgeschehen? Spahn macht das offenbar auch am Alter der Betroffenen fest. Das Durchschnittsalter bei den Infektionen sei gesunken, hatte er in einer Pressekonferenz nach dem Fernsehinterview gesagt. Das deute darauf hin, dass es „auch etwas mit Partyverhalten“ zu tun habe. Allerdings sind genauso gut andere Gründe dafür denkbar. So werden immer mehr symptomlose Menschen getestet, wodurch wahrscheinlich mehr Fälle bei Jüngeren entdeckt werden. Zudem dürfte bei Familienfeiern das Alter ja eher gemischt sein.

Aktuelle Informationen zum Ausbruchsgeschehen hat das Robert Koch-Institut (RKI) in einem Lagebericht zusammengefasst. Darin listet es sechs Landkreise mit überdurchschnittlichen Infektionszahlen auf. In einem davon gab es einen größeren Ausbruch unter Erntehelfern eines landwirtschaftlichen Betriebs und in einer Konservenfabrik. In den restlichen fünf Kreisen hätten Fälle unter Einreisenden und innerhalb von Familienclustern eine wichtige Rolle gespielt. Weitere Covid-19-bedingte Ausbrüche seien unter anderem in Alters- und Pflegeheimen, Krankenhäusern, Gemeinschaftseinrichtungen, Betrieben und in Zusammenhang mit Familienfeiern, religiösen Veranstaltungen und Reisen berichtet worden, heißt es im Lagebericht.

Alkohol und Feierlaune scheinen nicht unbedingt das Problem zu sein

Feste im Kreis der Familie sind demnach nur eine mögliche Ansteckungsquelle von vielen und nicht die wichtigste. Und wie das Ausbruchsgeschehen zeigt, scheinen Alkohol und die von Spahn genannte Feierlaune nicht unbedingt das Problem zu sein. Sondern ganz einfach der Aufenthalt größerer Menschenmengen in geschlossenen Räumen – wie zum Beispiel auch bei Gottesdiensten.

Schuld daran ist neben Tröpfchen- oder Schmierinfektionen wahrscheinlich die Ausbreitung von Corona über Aerosole: winzige Flüssigkeitspartikel in der Luft, die beim Sprechen, Atmen oder Husten ausgeschieden werden und Viren enthalten können. Aerosole können sich in unbelüfteten Räumen anreichern und Menschen nach Einschätzung des RKI womöglich auch dann infizieren, wenn diese Abstand zueinander halten. Schon länger ist bekannt, dass die Ansteckungsgefahr im Freien um ein Vielfaches geringer ist als drinnen. In China fand bei einer Untersuchung von 318 zurück verfolgten Ausbruchsgeschehen nur eines im Freien statt. Die Aerosole könnten die Erklärung dafür sein, sie werden an der frischen Luft weggeweht.

Nichts deutet darauf hin, dass das Feiern junger Leute im Freien die Infektionszahlen steigen ließe

Demnach spricht eher weniger gegen Feste im Freien. Für Versammlungen junger Leute in Parks oder am Strand gilt: Sie sind zwar derzeit verpönt und werden auch nicht empfohlen. Es deutet aber bis jetzt nichts darauf hin, dass sie der Hauptgrund für steigende Infektionszahlen sind.

Bei mehreren Menschen in geschlossenen, schlecht gelüfteten Räumen hingegen besteht höhere Ansteckungsgefahr – ob es sich nun um eine Kirche, ein Restaurant oder ein Großraumbüro handelt. Der enge Kontakt zwischen Familienangehörigen und Freunden bei Feiern könnte dabei das Ansteckungsrisiko theoretisch noch erhöhen. Er lässt sich aber ohnehin nicht wirksam verbieten, auch wenn er nicht mehr im öffentlichen Raum stattfinden sollte.

Lüftungskonzepte sind in Betrieben wichtiger als im privaten Umfeld

Wichtiger werden könnte das Thema Zusammenkünfte in der kalten Jahreszeit, wenn weniger ins Freie ausgewichen werden kann. Daher hat nun auch der Ärzteverband Marburger Bund bei Festen und Partys Obergrenzen für Gäste und Konzepte zum Lüften gefordert. Wichtig sei eine bundesweit einheitliche Regelung, „um Ansteckungsrisiken auch im Herbst und Winter zu verringern“, hatte die Vorsitzende Susanne Johna gegenüber der Funke Mediengruppe gesagt. Tatsächlich gibt es momentan schon Beschränkungen, die sich aber von Bundesland zu Bundesland unterscheiden. In Berlin sind zum Beispiel Veranstaltungen drinnen mit bis zu 500 Teilnehmern erlaubt. In Bayern sind bei Feiern nur 100 Personen in Innenräumen oder 200 im Freien zugelassen.

Eine deutliche Auswirkung neuer Regeln auf die Infektionszahlen ist jedenfalls eher nicht zu erwarten, wenn sie sich nur auf privaten Bereich erstrecken. Lüftungskonzepte und Beschränkungen müssten wenn, dann generell in geschlossenen Räumen umgesetzt werden, auch in Betrieben. Bei Familienzusammenkünften gehen Menschen ein mögliches Risiko ja immerhin freiwillig ein, anders als etwa am Arbeitsplatz.

Sinnvoller wäre mehr Geld für Hygienemaßnahmen

Womöglich sieht das Gesundheitsministerium aber im Verbot privater Feiern schlichtweg die einfachste Handlungsoption: So hatte Spahn betont, Wirtschaft und Handel hätten derzeit Priorität. Soll aber die Wirtschaft geschont werden, bleibt nur der private Bereich. Schaut man sich den Lagebericht des RKI zum Ausbruchsgeschehen noch einmal an, könnten dennoch andere Maßnahmen sinnvoller sein, um das Infektionsgeschehen zu bekämpfen: etwa mehr Geld für Hygienemaßnahmen und Personalaufstockung in Pflege und Gemeinschaftseinrichtungen.

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