Feine Gesellschaft verrottet im eigenen Saft

Ruhrtriennale

Das Musikbett wurde im Hörfunk erfunden. Mit moderatem Beat untermalt es alles, was vermeintlich dröge wirken könnte - etwa die lange Liste der Staus zur Rush Hour. Der polnische Regisseur Krzysztof Warlikowski macht davon auch ausgiebig auf der Theaterbühne Gebrauch.

GLADBECK

von Von Karsten Mark

, 23.08.2015, 14:03 Uhr / Lesedauer: 1 min
Feine Gesellschaft verrottet im eigenen Saft

Knapp fünf Stunden dauert die Inszenierung „Die Franzosen“.

Dumpf und dezent wabern Elektrobeats und Sphärenklänge unter mancher Szene, ab und an schwillt die Musik zu einem kurzen Song oder einer Tanzeinlage an. Soll der Drive der Rhythmusmaschine das Bühnengeschehen davor bewahren, sich allzu schnell in Erstarrung zu verlieren?

Prousts Monumentalroman

Die Gefahr ist groß. Denn in Marcel Prousts Monumentalroman "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit", den Warlikowski für seine Ruhrtriennale-Produktion "Die Franzosen" verarbeitet hat, ist die verschwenderisch üppige Sprache ein Gegenspieler jedes vorantreibenden Drives.

Und Warlikowskis Stück, das am Wochenende in der Maschinenhalle Zweckel Premiere hatte, bedarf einer Menge Geduld. Mit drei Teilen und zwei Pausen dauert der Abend knapp fünf Stunden.

Es ist nicht nur die lange Aufführungsdauer, die den Zuschauer auf eine harte Probe stellt. Denn Warlikowski und sein Ensemble führen "Die Franzosen" in ihrer polnischen Muttersprache auf - mit deutschen und englischen Übertiteln. Am Ende dieses Abends hat der Zuschauer vor lauter Lesen Proustscher Bandwurmsätze auch das ein oder andere Detail der Inszenierung verpasst.

Überaltertes Europa

Doch letztlich passiert nicht viel Überraschendes. Ein gläserner Salon wird wie ein Eisenbahnwaggon immer wieder auf und von der Bühne gerollt, welche ansonsten von einer Bar im Hintergrund bestimmt wird. Hinter der Bar laufen Videoclips vornehmlich mit Bildern aus der Natur von Seepferdchen und Blüten.

Doch wohin führt das Ganze? Die Parallelen der degenerierten französischen Gesellschaft zur vorletzten Jahrhundertwende mit dem heutigen überalterten und gesellschaftlich bestenfalls stagnierenden Europa sind offenkundig.

Als Essenz bleibt nur die Schlussszene im Gedächtnis: Die feine Gesellschaft ist vergreist und hängt am Tropf - und sie hat sich in ihrem Leben kein bisschen fortentwickelt. Sie ist verrottet im eigenen Saft.

Termine: 28./29./30.8.; Karten: Tel. (0221)280210.

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