„Tenet“: Nolan liefert das erste Popcorn-Kino seit dem Corona-Shutdown

rnFilm-Kritik

Christopher Nolans „Tenet“ (Start am 26. August im Kino) ist der Blockbuster, der die Kinobranche retten soll. Kann das SciFi-Actiondrama diesen Erwartungen gerecht werden?

Dortmund

, 21.08.2020, 18:15 Uhr / Lesedauer: 2 min

Noch nie wurde ein Film so sehnlich erwartet wie Christopher Nolans „Tenet“. Fünf Monate nach dem Corona-Lockdown geht die Kinobranche noch immer auf dem Zahnfleisch, sogar in Multiplex-Häusern herrscht gähnende Leere, die nicht allein mit dem Sommerloch zu begründen ist. Woche für Woche wird Geld verbrannt.

Was fehlt, sind die großen Spektakel, Filme, die Kasse machen, weil sie für das Leinwand-Erlebnis gemacht sind. Disneys „Mulan“ soll ins Internet abwandern und bloß als Stream verfügbar sein, „Wonder Woman“ lässt bis Oktober auf sich warten, umso wichtiger wurde „Tenet“.

„Tenet hatte ein Budget von 230 Millionen Dollar

Endlich also startet der Blockbuster und mögliche Publikumsmagnet, der der Kino-Misere ein Ende machen könnte: „Tenet“ soll an die 230 Millionen Dollar gekostet haben. Er wurde auf 70 Millimeter-Film gedreht, um Ausstattung, Tricks und Optik muss man sich bei diesem Budget keine Sorgen machen. Und Christopher Nolan ist nicht nur Regisseur, sondern auch Autor des Stoffes. Er ist der Mann, der uns „Batman Begins“ (2005), „The Dark Knight“ (2008), „Inception“ (2010) und „Dunkirk“ (2017) bescherte, ein Filmemacher mit goldenem Händchen, der nie zu versagen scheint.

Nun, mit spektakulären Bildern kann „Tenet“ aufwarten. Es kracht, es dröhnt, in den Actionpassagen fliegen Gebäude malerisch in die Luft. Es gibt Szenen, in denen der Film rückwärts zu laufen scheint, wo geborstene Mauern sich zusammensetzen und Kugeln ihren Einschlagsort wieder verlassen.

In Interviews spricht Nolan davon, den Zuschauer in ungesehene, aufregende Dimensionen entführen zu wollen. Mit „Inception“ sei er dem Prickeln eines James Bond-Thrillers nahe gekommen, mit „Tenet“ gehe er einen Schritt weiter.

Wundermaschine zum Zeitreisen

Nolans Film beginnt mit dem Überfall auf einen Konzertsaal in Russland, ein bewaffnetes Kommando hat hunderte Besucher in seiner Gewalt. Spezialkräfte leiten Gas ins Gebäude und stürmen den Saal, wie 2002 im Moskauer Dubrowka-Theater. Ein Trupp Amerikaner mischt auch mit, sie verfolgen ein anderes Ziel: die Bergung einer eminent wichtigen Metallbox.

Das Ding ist Teil einer Wundermaschine, die den Lauf der Zeit umkehrt. Von „Zeitreise“ will Nolan nicht sprechen. Er nennt es „Inversion“, wenn Menschen durch ihre Vergangenheit hüpfen und ihr zweites Ich beobachten. Kugeln aus der Zukunft fliegen rückwärts, Ursache und Wirkung sind verdreht.

Nolans krude Privat-Physik

Nolan ist ein Freund komplexer Gedankenspiele, in „Tenet“ überfordert er uns mit seiner Privat-Physik. Er behauptet ein Phänomen, das man nicht versteht, das aber die „Logik“ der Handlung regiert. Rasante Bilder hin und her – an dieser Verwirrung, diesem ärgerlichen Widerspruch krankt der ganze Film.

Der tatsächlich wie ein SciFi-Bond daherkommt, leider wie ein schlechter. Ein Superschurke (gut: Kenneth Branagh) bedroht die Welt, ein Superagent (blass: John David Washington) muss sie retten, Robert Pattinson darf ihm assistieren. Die Bedrohung bleibt seltsam nebulös, abseits der Action herrscht ein Spannungsvakuum.

Viele Figuren sind kaum mehr als flüchtige Skizzen, eine Liebelei läuft vage nebenher, die innere Chemie geht nicht auf. Enttäuschend. Ob „Tenet“ zum Goldesel taugt, darf man bezweifeln.

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