Die Fördergerüste im Ruhrgebiet sind für die Einen Relikte vergangener Zeiten, für die Anderen ein Symbol der Heimat. In unserer Fotostrecke zeigen wir ein paar echte Hingucker.

NRW

, 11.12.2018, 12:48 Uhr / Lesedauer: 3 min

Wenn man sich auf ein Symbol für das Ruhrgebiet einigen muss, ist es meistens ein Fördergerüst. Dabei sehen die Dinger alle unterschiedlich aus, erzählen andere Geschichten. Ihre Ästhetik offenbaren sie erst auf den zweiten Blick. Sie sind nicht nur kalte Technik, sondern auch Ikonen der Architektur- und der Fotografiegeschichte.

Ganz eigene Ästhetik

Die „Schachtzeichen“ eint ihre Funktion: Um Menschen, Material und Kohle in die und aus der Tiefe zu befördern. Dass sie dies mit einer ganz eigenen Ästhetik leisten, ist erst langsam erkannt worden. Oft erkennt man die Persönlichkeit erst, wenn man die Gerüste nebeneinander verdichtet. In den 1960ern begannen die Düsseldorfer Fotokünstler Bernd und Hilla Becher, Fördergerüste und Hochöfen zu fotografieren. Ihre Serien prägten damit das Bild von Industriekultur nachhaltig. Ihr Werk ist legendär und nicht kopierbar, aber man kann sich ein bisschen daran orientieren wie wir auf dieser Seite. Dadurch wird klar: Aus funktionaler Technik ist mehr geworden als reiner Stahl und Beton.

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Fördergerüste im Ruhrgebiet

Ob Relikte aus vergangenen Tagen oder Symbol für die Heimat: Die Fördergerüste im Ruhrgebiet sind echte Hingucker. Eine Auswahl.
11.12.2018
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Zeche Westhausen: Malakow-Turm (1872) in Dortmund-Bodelschwingh© Stephan Schuetze
Zeche Erin Schacht 7 (1953) in Castrop-Rauxel© Halten
Zeche Gneisenau Schacht 4: Doppelbock-Fördergerüst (1933) in Dortmund-Derne© Oliver Schaper
Zeche Monopol, Schacht Grimberg 1/2 (frühe 1980er) in Bergkamen© Stefan Milk
Zeche Zollern (1902) in Dortmund-Bövinghausen© Gerd P. Müller und Rüdiger
Zeche Gneisenau Schacht 2: Englischer Bock (1890) in Derne© Dieter Menne
Hammerkopfturm Zeche Erin Schacht 3 (1937) in Castrop-Rauxel-Schwerin© Benjamin Hahn
Zeche Minister Achenbach Schacht 4 (1924) in Lünen mit Colani-Ei (1995)© Frank Bock
Hammerkopfturm Zeche Minister Stein in Dortmund-Eving (1925)
Zeche Haus Aden Schacht 2, Stahlkasten-Doppelbock (1979) in Bergkamen© Stefan Milk
Zeche Germania Schacht 5 in Dortmund-Marten (1944), seit 1973 ist der verkleidete Doppelbock Wahrzeichen des Bergbaumuseums in Bochum
Zeche Königsborn 3/4: ummantelter Förderturm (1925) in Bönen© Stefan Milk

Fördergerüste: „Sie verkörpern Statik, die mit Dynamik aufgeladen ist“, schreibt Kulturhistoriker Roland Günter, selbst Ikone der Industriekultur, in seinem Handbuch zum Ruhrgebiet. Funktion folgt Form, die Gerüste müssen Kräfte umlenken, die mit der Zeit immer stärker wurden. Nur so konnten Bergleute immer tiefere Schichten unter Tage erreichen. Erst reichten Holzgestelle, dann wurden Türme mit dicken Mauern gebaut, bevor Stahl und schlussendlich Stahlbeton Vibrationen, Zugkräfte und Energie zu fassen bekamen.

Aus kleinen Häusern werden Burgen

Die Kraft der Dampfmaschine im benachbarten Maschinenhaus, übertragen über Seile und Umlenkrollen, versetzte die frühen Holzgerüste in gefährliche Vibrationen. Im frühen 19. Jahrhundert wurde gemauert. Erst kleine Häuser, zur Mitte des Jahrhunderts wurden es Burgen. Malakow-Türme nennt man sie in Anspielung an das Fort Malakow in Sewastopol, das Franzosen 1855 im Krim-Krieg blutig eroberten. Wenige stehen noch, einzeln in Westhausen in Dortmund oder als Doppelschacht-Anlage wie Zeche Hannover, heute als LWL-Museum in Bochum zu besuchen.

Um 1865 tauchen Gerüste aus Stahl auf, ein Bild, das das Zeitalter der Industrie prägen wird. Wie so vieles an Know-How kommt es aus dem Mutterland der Industrialisierung, die frühen Formen werden deshalb auch „Englischer Bock“ genannt. Einen einzigen kann man noch bewundern, Zeche Gneisenau in Dortmund-Derne von 1890.

Streben-Gerüst sparte Material

Das „Deutsche Streben-Gerüst“ drückt nicht nur die nationale Konkurrenz zu England in der Zeit aus. Um Material zu sparen, ist es weniger aufwendig gebaut. Es gibt filigrane wie auf Zollern oder zweigeschossig wie auf Gneisenau – beide in Dortmund. Ab den 1920ern werden die Streben verkleidet, wie auf Erin in Castrop-Rauxel. Der Vollwand-Gerüstturm als Doppelbock findet sich heute auf Souvenirs. Es ist Museum in Bochum oder Weltkulturerbe in Essen-Zollverein.

Kurzzeitig baut man die Maschinen direkt über den Schacht. Die Hammerkopftürme von Erin auf Schwerin in Castrop-Rauxel oder von Zeche Minister Stein in Dortmund-Eving bleiben Ausnahmen zwischen den Weltkriegen. Zunehmend werden die Türme in dieser Zeit verkleidet, wie Zeche Königsborn in Bönen. Nach dem Krieg ersetzt Stahlbeton die Fachwerkkonstruktion. Nicht weniger markant die letzten ihrer Art: Schacht Grimberg in Bergkamen vom Anfang der 1980er.

Wandel in den Köpfen

Stahl, der emotional aufgeladen ist – so oder so: Für die Einen starkes Symbol der Heimat, für Tradition. Für Andere verkitschtes Relikt der Vergangenheit. Jedes Gerüst, das noch aufragt, steht deshalb aber auch für den Wandel in den Köpfen. Das selbstbewusste Einbinden in neue Architektur wie auf Minister Stein oder mit dem Colani-Ei auf Minister Achenbach in Lünen zeigen das genauso wie die Herkules-Figur, die auf Nordstern in Gelsenkirchen thront.

Vielen ist die Aktion Schachtzeichen bei der Kulturhauptstadt 2010 noch in Erinnerung: Gelbe Luftballons stiegen über ehemaligen Schächten auf. Man konnte sehen, wie viel verschwunden ist. Jeder Turm, der heute noch steht, erzählt auch die Geschichte seines Erhalts und eines neuen Selbstverständnisses im Ruhrgebiet. Bürgervereine kämpften für die Zeichen der proletarischen Arbeitswelt.

Die Debatte wird bleiben

Ist es besser, keine Landmarken zu haben, als welche zu haben? Ob Kitsch, Erinnerungsort, Symbol für irgendwas. Es kommt darauf an, was man daraus macht. Wenn Ende 2018 der Bergbau ausläuft, ist die Debatte darüber sicher nicht beendet.

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