Forscherin im Interview: „Wir können unser Altern verlangsamen“

Ernährung

Isabelle Mansuy ist eine der profiliertesten Forscherinnen im Bereich Epigenetik. Sie sagt: Eine gesunde Lebensweise tut nicht nur uns selbst gut – sondern auch unseren Nachfahren.

Hannover

27.09.2020, 19:00 Uhr / Lesedauer: 4 min
Nüsse sind gesund. Sie enthalten ungesättigte Fettsäuren und Vitamine.

Nüsse sind gesund. Sie enthalten ungesättigte Fettsäuren und Vitamine. © picture alliance/dpa

Isabelle Mansuy, 55, ist Professorin an der Uni und der ETH Zürich und dort stellvertretende Leiterin des Instituts für Neurowissenschaften. Ihr Buch „Wir können unsere Gene steuern!“ ist soeben im Berlin-Verlag erschienen. Im RND-Interview sagt sie, wie sich Ernährung auf unsere Gene auswirkt.

Ist es verantwortungslos gegenüber meinen künftigen Enkeln, kein Olivenöl und keine Nüsse zu essen?

Wir sind alle verantwortlich für unsere Gesundheit.

Aber Sie empfehlen in Ihrem neuen Buch „Wir können unsere Gene steuern!“ eine epigenetische Diät, die nicht nur dem eigenen Körper, sondern auch unseren Nachkommen guttun soll. Kann ich der Gesundheit meiner künftigen Kinder, Enkel und Urenkel schaden oder nützen durch das, was ich heute esse?

Während der vergangenen 15 Jahre haben viele Studien Verbindungen zwischen bestimmten Nährstoffen und epigenetischen Änderungen bewiesen. Es gibt Untersuchungen, die zeigen, dass Menschen, die einer Hungersnot ausgesetzt waren, später im Leben ein größeres Risiko haben, metabolische und kardiovaskuläre Krankheiten zu entwickeln, fettleibig zu werden und eine höhere Sterblichkeit zu haben. Das betraf auch deren Kinder und Enkelkinder – und dieser Effekt wurde ebenfalls in Mäusen und Ratten nachgewiesen.

Wie erklären Sie diese direkte Vererbung, die auf Lebensereignisse statt auf Mutationen zurückgeht?

Anders als man lange Zeit glaubte, sind es nicht allein die Gene, die unsere Eigenschaften bestimmen. Tatsächlich ist jeder von uns stark von dem beeinflusst, was uns umgibt, also den Erfahrungen, die wir machen, der Nahrung, die wir aufnehmen, der Luft, die wir atmen, den Gefühlen, die wir empfinden. All diese Faktoren können chemische Veränderungen an unserer DNA hervorrufen – Methylierungen, Histon-Modifikationen und Veränderungen regulatorischer RNA –, und diese können vererbt werden.

Aber braucht man im Beispiel der Hungersnot wirklich die Epigenetik, um die Auswirkungen auf die Nachkommen zu erklären? Wenn eine Schwangere, bei deren Säugling die Keimbahn bereits angelegt ist, Hunger leiden muss, sind Zellen dreier Generationen doch bereits direkt davon betroffen?

Das stimmt – aber es waren auch Menschen in die Studien eingeschlossen, die zur Zeit der Hungersnot noch Kinder waren. Auch bei deren Enkeln – von deren Zellen also keine einzige exponiert war – haben sich die Auswirkungen gezeigt. In Mäusen haben Wissenschaftler sogar eine dritte und vierte Generation von Tieren gezüchtet, die etwa sehr fetthaltig ernährt wurden. Auch bei diesen Nachkommen gab es die Symptome, obwohl nicht eine einzige Zelle exponiert war.

Sie raten zu Olivenöl, um die Gene so zu beeinflussen, dass Menschen keine Arteriosklerose entwickeln – sind wir wirklich schon so weit, dass zu wissen?

Es gab viele Experimente, die gezeigt haben, dass Extrakte von Olivenöl oder Brokkoli die Aktivität von Genen beeinflussen – in der Zellkultur und bei Tieren. Es gab sogar eine Studie, in der man Menschen gebeten hat, brokkolireich zu essen, und dann die Methylierung von deren Erbsubstanz überprüft hat. Dutzende, wenn nicht Hunderte von Studien haben gezeigt, dass die Ernährung die Methylierung beeinflussen kann.

Aber man isst so viele Dinge, wie soll man den Effekt von etwas Einzelnem da feststellen?

Schwierig, das stimmt – aber diese Studien werden durch Daten aus dem Tierexperiment gestützt. Beim Tierversuch nimmt man 50 Mäuse, die alle das identische Genom haben, die Hälfte füttert man mit Brokkoli, die andere mit eine fetthaltigen Diät. Danach schaut man sich Blut, die Leber, Gehirn, alle Gewebe, die man interessant findet, an – und wenn man alle anderen Parameter kontrolliert, wenn die Tiere ansonsten das gleiche Leben haben, kann man recht sicher sein, dass diese Unterschiede auf der Ernährung beruhen.

Wozu braucht es die epigenetische Diät, die Sie in Ihren Buch empfehlen? Sie entspricht weitgehend dem, was die Ernährungswissenschaft ohnehin rät: mediterrane Kost.

Mit einigen Unterschieden, etwa der Empfehlung von Methyl-Donoren, zum Beispiel in Brokkoli oder in grünem Tee. Alle diese Substanzen sind dafür bekannt, dass sie direkt am Epigenom ansetzen. Es ist natürlich nicht neu, den Menschen zu sagen, sie sollen Gemüse essen, aber wir liefern eine Erklärung, warum es günstig ist, bestimmte Speisen zu sich zu nehmen.

Aber Sie räumen selbst ein: Man kann es auch übertreiben mit der epigenetischen Diät?

Manche Gene will man methyliert, andere lieber demethyliert haben. Krebs zum Beispiel ist durch ein Zuviel an Methylierung gekennzeichnet. Aber es gibt auch Gene, bei denen eine zu geringe Methylierung krank macht. Es gibt Nahrungsbestandteile, die eher das eine oder das andere stärken. Und Methylierung ist ja nur ein Parameter – epigenetische Veränderungen benötigen auch die Histone und die RNA. Wenn man zu viel Brokkoli oder grünen Tee zu sich nimmt, ist das auch nicht gesund. Aber generell können diese Nahrungsbestandteile helfen, den Körper balanciert zu ernähren. In der Bevölkerung gibt es genügend Menschen, die gar kein frisches Gemüse essen.

Dass Umwelteinflüsse Krankheiten verursachen können, ist aber wirklich nicht neu – braucht es die Epigenetik, um das zu erklären?

Es gibt eine Menge Beweise, dass Umweltgifte, Alkohol, Rauchen und Drogen das epigenetische Profil im Blut und im Speichel verändern. Auch wenn Menschen sich sehr fetthaltig ernähren, sind im Blut epigenetische Veränderungen messbar, die Wochen andauern, auch wenn die Diät geändert wurde.

Aber das ist nur eine Korrelation, kein Kausalzusammenhang.

In Menschen ja, da lässt sich nichts anderes zeigen. Deshalb mache ich die Tierexperimente, in denen wir alles kontrollieren können. Die Mäuse, die wir benutzen, haben alle exakt das gleiche Genom. In diesen Tieren müssen Unterschiede auf epigenetische Veränderungen zurückzuführen sein.

Hat auch unser Altern mit epigenetischen Veränderungen zu tun?

Das Epigenom ändert sich während des Lebens. Es gibt 300 epigenetische Marker, die das Alter einer Person sehr präzise vorhersagen können. Aber es gibt Menschen, die epigenetisch jünger sind als nach ihrem Geburtsdatum. Wir können das Altern verlangsamen, wenn wir uns richtig ernähren, wenn wir Sport treiben, nicht rauchen, keinen Umweltgiften ausgesetzt sind.

Welche Lebenszeit zeigt Ihre epigenetische Uhr?

Ich achte sehr darauf, was ich esse, mache jeden Tag Sport – ich versuche, gesund zu leben. Aber ich habe nie mein epigenetisches Alter bestimmen lassen.

RND