Fotografien zeigen Stadtteil-Vernichtung

Ausstellung

Sanierungsbedürftige, heruntergekommen, aber voller Geschichte – der Umgang mit Vorkriegsbauten im Ruhrgebiet ist diskussionswürdig. Während man in Bochum aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt zu haben scheint, werden andernorts ganze Stadtteile vernichtet. Nun zeigt eine Ausstellung im Haus der Geschichte des Ruhrgebiets ein besonders dramatisches Beispiel: Die Zerstörung des Stadtteils Duisburg-Bruckhausen.

BOCHUM

, 23.06.2015, 18:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Wer heute von der A40 kommend über die ersten Meter der A448 fährt, wird kaum noch erkennen können, dass er durch ein einst intaktes Stadtviertel fährt. Das Heusnerviertel, benannt nach dem Eigentümer zahlreicher Häuser im Stadtteil, entstand um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert.

In den 1970ern zum Abriss bestimmt, wurde das Viertel Mitte der 1980er-Jahre nach harten, aber erfolglosen Kämpfen der Bevölkerung schließlich der neuen Umgehungsstraße geopfert. Seitdem hat sich der Umgang mit historischer Bausubstanz in Bochum gebessert. Zwar werden immer noch historische Gebäude wie das Gymnasium am Ostring zerstört, aber die Stadt ist spürbar sensibler geworden.

Duisburg dagegen nicht. Bruckhausen, direkt neben einem Stahlwerk und einem Hochhofen gelegen, entstand als „bürgerliches Viertel“, wie Bernd Langmack sagt. Der Fotograf, eigentlich Mediziner von Beruf, ist mit seiner Kamera bereits seit den 1980er-Jahren im Ruhrgebiet unterwegs. In seiner Arbeit konzentriert er sich vor allem auf die Veränderungen rund um den Duisburger Stadtteil – weil dieser ein authentisches Stückchen Ruhrgebiet sei.

"Nach der Industrie gerichtet"

Doch das Gründerzeitviertel gibt es nicht mehr. Es musste einem Grüngürtel weichen, wurde zur Hälfte abgerissen. Genau diesen Prozess dokumentieren Langmack und das Haus der Geschichte des Ruhrgebiets nun in der neuen Ausstellung „Abriss in Bruckhausen“. „Die Ruhrgebietsstädte haben sich in fast jeder Hinsicht immer nach der Industrie gerichtet“, sagt Prof. Dr. Stefan Berger vom Haus der Geschichte des Ruhrgebiets.

Auch in Duisburg spielte der Wille der Industrie eine entscheidende Rolle: „Thyssen-Krupp ist mit einer zweckgebundenen Spende von 35 Millionen Euro auf die Stadt Duisburg zugekommen“, sagt Langmack. Durch den Abriss des Viertels sollte Platz für einen Grüngürtel geschaffen werden, der wiederum andere Stadtteile vor Emissionen schützt.

Dafür gab es noch einmal 35 Millionen Euro von der EU. „Durch die Verlagerung des Hochofens und neue Filter hatte die Emissionsbelastung aber schon deutlich nachgelassen“, kommentiert Langmack die Begründung von Industrie und Stadt zum Totalabriss.

Kein Widerstand

Doch anders als in den 1970er-Jahren, wo das Viertel bereits schon einmal vernichtet werden sollte, regte sich dieses Mal kaum Widerstand. Man habe die Bevölkerung gespalten, sagt der Fotograf und so seitens der Stadt den Aufkauf einzelner Häuser möglich gemacht. Die Stadt Duisburg, so erklärt es Langmack, habe dann Häuser innerhalb intakter Straßenzüge abreissen lassen, ein Sanierungsverbot verhängt und so die Verwahrlosung des Viertels bewusst vorangetrieben. Inzwischen sind fast alle der 170 zum Abbruch bestimmten Häuser zerstört.

Gründerzeitbauten, elegante historische Bausubstanz, die „man mit dem Geld für den Abriss auch hätte sanieren können“, so der Fotograf. Stattdessen steht nun in Bruckhausen erst einmal eine Betonmauer, die als Lärmschutz für den Grüngürtel und die weitere Nachbarschaft fungieren soll. „Das sieht momentan so aus wie ein Todesstreifen der Berliner Mauer“, sagt Langmack.

Wichtige Ausstellung

Doch Bruckhausen wird nicht der letzte Stadtteil Duisburgs sein, der fallen wird: In Duisburg-Marxloh soll ein Outlet-Center gebaut werden - und das braucht großzügige Parkplatzflächen genau dort, wo jahrzehntelang Menschen lebten. Egal ob Bauwerk aus den 1950ern oder aus der Vorkriegszeit – das Ruhrgebiet muss lernen, dass es sich seine historische Bausubstanz nicht nur in einigen Zechen, Hallen und Halden erhalten darf.

Die Ausstellung über Bruckhausen ist deshalb enorm wichtig. Weil sie den schmerzhaften Umbruch zeigt, weil sie das Drama der Menschen spürbar macht und weil sie auch etwas nicht zeigt: Dass das Ruhrgebiet sich seine Vergangenheit bald nur noch als eine Art Montan-Disneyland konserviert.

„Abriss in Bruckhausen – Ein Stadtteil wird vernichtet“, Fotografien von Bernd Langmack, Haus der Geschichte des Ruhrgebiets, Clemenstraße 17-19, bis Februar 2016.