Frauen-Versteher Almodóvar erzählt von "Julietas" Leid

Im Kino

Man hat ihn Enfant terrible genannt, schwule Skandal-Nudel, Spaniens größten Frauen-Versteher. Seine Filme waren "Transgender", lange bevor es den Begriff gab. Aus Sex, Drogen, Schicksal und Erschütterungen hat er freche, witzige, rührende Melodramen und Farcen gestrickt, "Das Labyrinth der Leidenschaft" erforscht und "Das Gesetz der Begierde". Jetzt folgt das Drama "Julieta".

08.08.2016, 15:39 Uhr / Lesedauer: 1 min
Adriana Ugarte spielt die junge Julieta.

Adriana Ugarte spielt die junge Julieta.

Heute ist Regisseur Pedro Almodóvar 66 Jahre alt. Seine Filme wurden weniger provokant, man könnte auch sagen altersmilder. Bei "Fliegende Liebende" (2013) schien Almodóvar endgültig die Puste auszugehen. Eine zahnlose Sitcom, deren Witze nicht zündeten, man roch die Anbiederung an den cineastischen Mainstream.

Und jetzt? Mit "Julieta" legt der Spanier einen Streifen vor, der zwar nicht zu seinen besten gehört, der aber für die Rückkehr zu Almodóvars Kraftquelle steht: ein Melodram. Mit Frauen in Hauptrollen. Aus drei Kurzgeschichten von Alice Munro hat Almodóvar seine eigene Passionsgeschichte geschneidert, die von Julieta, deren Tochter Antia sich vor 13 Jahren aus Julietas Leben verabschiedet hat.

Brief an die verschwundene Tochter

Den Grund erfahren Julieta und der Zuschauer erst am Schluss. Bis dahin wissen wir nur, dass Julieta (Emma Suárez) leidet. Materiell geht es ihr gut, sie hat einen liebevollen Partner, doch als Antias Jugendfreundin erzählt, sie habe die Tochter am Comer See getroffen, fällt Julieta in eine Depression. Sie will die Vergangenheit verstehen und schreibt einen Brief. An die verschwundene Tochter, aber auch für sich selbst.

Almodóvar bebildert Julietas Erinnerung. In langen Rückblenden, mit der aparten Ariana Ugarte als junger Julieta. Im Zug traf sie Antias Vater, schlief mit ihm, wurde schwanger, heiratete den Fischer mit dem Haus am Ozean. Das Glück war perfekt, bis Julieta ihrem Mann eine Szene machte. Der fuhr aufs Meer und ertrank...

Mechanik eines Räderwerks

Die Konstruktion zeigt nicht Almodóvars frühere Eleganz und Klasse. Sie hat etwas von der Mechanik eines Räderwerks, Alberto Iglesias' Musik unterlegt Trauerklang aus der Klischeekiste. Inszenierung, farbverliebte Ausstattung und Darsteller sind zum Glück besser als das Drehbuch. Die gute Nachricht: Almodóvar wandelt auf alten Pfaden. Nicht so gelenkig wie einst, doch immerhin.

 

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