Fremder in der eigenen Wohnung

"Freitag" am Bochumer Schauspielhaus

In Belgien und den Niederlanden wurde "Freitag" von Hugo Claus zum Theaterklassiker - obwohl es alles andere als leicht konsumierbare Theaterkost ist. Eric de Vroedt, der mit seiner Reihe "Mighty Society" über die niederländische Gesellschaft nach den Morden an Pim Fortuyn und Theo van Gogh für Furore sorgte, hat es jetzt in aller realistischen Härte packend in die Bochumer Kammerspiele gebracht.

BOCHUM

, 16.02.2014 / Lesedauer: 2 min
Fremder in der eigenen Wohnung

Ratlos: Jürgen Hartmann (v.l.) als Georges, Raiko Küster als Erik und Bettina Engelhardt als Jeanne.

Ein Mann kommt nach Hause, doch er ist hier ein Fremder. Nach dem Schritt über die Türschwelle erstarrt er zur Salzsäule, später sitzt er auf dem Sofa wie bestellt und nicht abgeholt. Er passt genauso wenig in sein Umfeld wie in seinen Anzug - die Zeit im Gefängnis hat ihn abmagern lassen, zu einem anderen gemacht.Kein Boden unter den Füßen

Jürgen Hartmann spielt diesen Georges Vermeersch, der zwei Jahre im Gefängnis gesessen hat, weil er Sex mit seiner damals 17-jährigen Tochter Christiane gehabt haben soll. Mit kleinen Blicken und Gesten stellt er ihn glaubhaft als jemanden dar, dem das Leben den Boden unter den Füßen weggezogen hat, der sich wieder erden, eine neue Struktur finden will.

Das Thema Inzest liegt schwer auf den Figuren, die trotzdem wieder zu einer Normalität finden wollen und dabei ganz anders handeln, als man es erwarten würde. Manchmal hat es fast slapstickhafte, clowneske Komik wie Bettina Engelhardt als seine Frau Jeanne und Jürgen Hartmann in ihren albernen Vokuhila-Frisuren die Schuld-Frage diskutieren. Erik (Raiko Küster), dem Nachbarn, der Jeanne ein Kind gemacht hat, fallen zum Thema meist nur dumme Kalauer ein.

Eric de Vroedt hat ein super-realistisches Setting geschaffen: Die Bühne ist eine originalgetreue Plattenbau-Wohnung, der Soundtrack besteht aus Alltagsgeräuschen als dringe er durch dünne Wände. In einer langen Videosequenz geht die Kamera auf Tuchfühlung zu Georges und seiner Tochter, zeigt, was erst niemand auszusprechen wagt. Langer Applaus belohnt am Ende großes Schauspieler-Theater.

 

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