Frittenbude-Sänger: "Ich weigere mich, erwachsen zu werden"

Interview

Frittenbude, das ist die Band, die nicht erwachsen werden will. Mittwoch stellt sie ihr neues Album „Küken des Orion“ im FZW vor. Das hat zwar den typischen Elektropop-Sound und doch klingt es anders als die Vorgänger. Jana Schoo hat mit Sänger Johannes Rögner gesprochen. Für Kurzentschlossene gibt es noch Karten.

DORTMUND

, 14.10.2015, 15:49 Uhr / Lesedauer: 4 min
„Man sollte ein bisschen ungemütlich sein für das System, in dem man lebt“, sagt Johannes Rögner (M.). Er ist Sänger der Berliner Band Frittenbude. Mit seinen Bandkollegen Martin Steer und Jakob Häglsperger kommt er am 14. Oktober ins FZW.

„Man sollte ein bisschen ungemütlich sein für das System, in dem man lebt“, sagt Johannes Rögner (M.). Er ist Sänger der Berliner Band Frittenbude. Mit seinen Bandkollegen Martin Steer und Jakob Häglsperger kommt er am 14. Oktober ins FZW.

Sie kommen mal wieder nach Dortmund. Kann es sein, dass Sie sich hier wohlfühlen?

Auf jeden Fall. Wir sind sehr gerne in Dortmund. Die Konzerte waren immer toll – ob das jetzt im FZW war oder beim Juicy Beats. Das ist auch eines der schönsten Festivals in Deutschland.

Sie setzen sich stark gegen Rechtsextremismus ein. In Dortmund haben wir ein Nazi-Problem. Haben Sie davon schon gehört?

Ja. Das ist furchtbar. Aber es ist eben Deutschland. Es wäre verwunderlich, wenn die in Dortmund nicht wären. Die Geschichte ist nie richtig aufgearbeitet worden. Es reicht nicht, zwei Wochen in der Schule über die NS-Zeit zu reden. Auf mich hat es den Eindruck, dass es nicht mehr geworden sind, aber es fällt mehr auf, weil sich die Nazis Plattformen wie das Internet zunutze machen. Die Gewaltbereitschaft ist definitiv gestiegen.

Inwiefern können Sie als Band der Fremdenfeindlichkeit entgegenwirken?

Das ist schwierig. Man kann auf Konzerten Ansagen machen, im Internet seinem Ärger Luft machen. Wir haben die gleichen Möglichkeiten wie jeder andere: Man geht auf die Straße, demonstriert gegen Sachen, man hilft, wo man kann oder spendet Geld.

Aber Sie haben die Musik ...

Wir können die Leute zum Nachdenken anregen mit unseren Texten. Aber was wir damit bewirken, liegt bei den Leuten selbst. Uns hören viele junge Leute. Ich glaube nicht, dass sie intolerante Menschen werden. Vielleicht können wir sie ein bisschen prägen.

Sehen Sie sich als Vorbilder?

Nein. Man hat natürlich ein Stück eine Vorbildfunktion. Aber wir sind die schlechtesten Vorbilder, die man sich aussuchen kann.

Wieso?

Wir sind selbst nicht unfehlbar. Wir lernen jeden Tag dazu. Es ist schwer, sich Leute herauszupicken, die man wirklich als Vorbild nehmen kann. Vorbildlich können wahrscheinlich nur einzelne Charakterzüge sein. Ich glaube, jeder Mensch hat seine Fehler und Ecken und Kanten, an denen sich andere stoßen. Man sollte einfach ein bisschen ungemütlich sein für das System, in dem man lebt. Man sollte nicht alles schlucken. Und man muss sich gut informieren – auch abseits der großen Medien. Im Internet hat man genug Möglichkeiten. Nur nicht auf Youtube bilden.

Sie halten also nichts von Youtubern?

Ich finde die furchtbar. Das liegt vielleicht auch daran, dass ich schon 34 bin. Mir ist das alles zu laut, zu viel und meistens zu schlecht recherchiert. Jeder, der irgendwie eine halbgare Meinung hat, plappert sie dämlich in die Kamera – und dann schauen sich das auch noch 200.000 Leute an.

Inwiefern nutzt Frittenbude das Medium Internet?

Für uns war das Internet von Anfang an wichtig und eine Möglichkeit, der Welt zu zeigen, dass es uns gibt. Menschen zu erreichen, die man sonst nicht erreichen würden. Das hat sich nicht geändert. Wir äußern uns ja auch zu anderen Themen als der Musik und versuchen, Anstöße zu geben.

Nach "Nachtigall", "Katzengold" und "Delfinarium" ist Ihr viertes Album "Küken des Orion" erschienen. Was hat es mit Ihnen und den Tieren auf sich?

Das wissen wir nicht so genau. Man kann den Charakter jedes Menschen mit einem Tier darstellen. Die Tapsigkeit eines Bären lässt sich schön auf das Leben ummünzen.

Und welches Tier sind Sie?

Ich glaube, ich bin ein klassischer Grizzly- oder Braunbär – mit viel Winterschlaf und Bock auf Honig.

Ein Song heißt "Die Möglichkeit eines Lamas". Lamas spucken gern. Würden Sie gerne mal jemanden anspucken?

Ich würde jedem einzelnen Nazi dieser Welt gerne ins Gesicht spucken.

Aber Sie haben es noch nicht gemacht?

Nein, ich habe noch nie in meinem Leben jemanden angespuckt.

Was genau sind die Küken des Orion?

Das kann sich jeder selbst rauslesen aus diesem Song. Jeder ist ein Küken, auch die, mit denen man nicht sonst nichts zu tun hat.

Und werden die Küken irgendwann erwachsen?

Das muss gar nicht sein. Man lernt ja nie aus. Ich weigere mich, erwachsen zu werden. Das ist für mich das Ende einer Entwicklung. Man darf nicht stehen bleiben, nicht ankommen. Wenn sich nichts mehr ändert, ist es das Schlimmste, was es gibt. Geistig einzuschlafen, körperlich einzuschlafen. Man muss immer auf Zack bleiben, auf der Suche, immer unterwegs.

Kann man das nicht sein, wenn man erwachsen ist?

Für viele bedeutet erwachsen sein Stillstand. Natürlich ist man als Erwachsener noch hungrig. Aber die meisten schlafen halt ein, sie arrangieren sich mit den Dingen, die sie früher noch angezweifelt haben. Sie resignieren.

Ist das auch eine Botschaft, die Sie vermitteln wollen: Das Leben mehr zu leben?

Ganz klar. Man sollte viel mehr im Hier sein. Scheiß drauf, was gestern war und was morgen kommt. Das kann man nicht auf die politische Ebene ummünzen. Aber im eigenen, privaten Leben ist es sehr wichtig, nicht immer an Morgen zu denken. Rausgehen, loslaufen, nicht nachdenken.

Ist es das, was Sie bei Ihrer Musik antreibt?

In jedem unserer Alben ist eine Entwicklung drin gewesen. Sei das jetzt in musikalische Richtungen oder textlich. Es gibt diese Grundzutaten, die uns ausmachen. Aber wir sind hungrig, wir wollen immer etwas Neues.

Machen Sie die Musik vor allem für sich?

Wir sind drei Köpfe, wir denken total unterschiedlich und haben total unterschiedliche Musikgeschmäcker. Es muss uns allen drei gefallen. Natürlich wollen wir davon leben, wir spielen total gerne Konzerte und die Musik muss den Leuten gefallen. Aber in erster Linie geht es um uns.

Ist das neuste Album das persönlichste, das Sie bislang gemacht haben?

Ja, das kann man schon sagen. In den alten Alben war viel Lärm, viel Radau. Aber es waren immer Dinge, die aus unserem Leben kamen. Jetzt ist es mehr Text geworden, und damit gibt man auch mehr Persönliches preis. Wir wollen halt nicht den zehnten Partytrack machen. Das würde keinen Spaß machen.

Die Zeit der Partysongs ist trotzdem nicht vorbei?

Wir haben auch zuletzt Partysongs gemacht. Nur die tiefgründigeren, kryptischen Songs haben uns besser gefallen und besser funktioniert. Das nächste Album kann wieder Geballere sein.

Frittenbude haben Sie gegründet, als im Auto das Radio nicht funktioniert hat. Richtig?

So ungefähr. Wir sind auf ein Festival gefahren, die Radioantenne war abgebrochen. Jacob hatte aber eine Antenne mit Techno-Beats, die er gebastelt hatte, dabei. Und dann haben wir gesungen.

Und wenn Sie jetzt Auto fahren: Hören Sie lieber Radio oder singen Sie?

Ich bin tatsächlich jemand, der manchmal mitsingt. Auch sehr laut. Aber ich höre nie Radio. Da kommt immer nur das Gleiche. Ich hab Musik immer auf CD dabei. Im Auto hat man doch Zeit, richtig Musik zu hören und nicht nur nebenbei. Gut, kommt natürlich drauf an, wie gut man Auto fahren kann.

Wie essen Sie Ihre Pommes am Liebsten?

Am Liebsten in Verbindung mit Steak oder Burgern. Am aller-, aller-, allerbesten ist Gemischt aus dem Schwabenland. Das sind zur Hälfte Spätzle, zur Hälfte Pommes und eine Rahmsoße drüber. Das ist unglaublich lecker.

Karten für alle, die noch spontan zum Konzert am Mittwoch (14. 10.) wollen, gibt es an der Abendkasse im FZW, Ritterstraße 20, für 25 Euro. Beginn ist um 20 Uhr, Einlass ab 19 Uhr.

Das sind : Johannes Rögner (Gesang), Martin Steer (E-Gitarre), Jakob Häglsperger (Bass, Synthesizer).

 

Schlagworte:
Lesen Sie jetzt