Frühling in der dritten Welle: Wie hoch ist das Corona-Infektionsrisiko im Freien?

Coronavirus

Der Spaziergang gilt in der Corona-Krise als Freizeitaktivität schlechthin. Doch gerade steigt vielerorts die Zahl der Infektionsfälle. So bewerten Experten das Ansteckungsrisiko im Freien.

von Jessica Orlowicz

, 20.03.2021, 14:45 Uhr / Lesedauer: 3 min
Der Frühling lockt Menschen gerade in Corona-Zeiten mit Macht an die frische Luft. Doch drohen auch draußen Gefahren, sich anzustecken?

Der Frühling lockt Menschen gerade in Corona-Zeiten mit Macht an die frische Luft. Doch drohen auch draußen Gefahren, sich anzustecken? © picture alliance/dpa

Seit der Corona-Krise hat das Spazierengehen einen besonderen Stellenwert in der Gesellschaft: Als Lockdown und Kontaktbeschränkungen kaum andere Freizeitaktivitäten zuließen, entdeckten viele Deutsche Zeit im Freien neu für sich. Jetzt, da der Frühling Einzug hält, zieht es die Menschen vielerorts erneut in die Natur.

Abstand zu halten ist dabei schnell eine Herausforderung. Zeitgleich befinden wir uns Experten nach bereits in der dritten Covid-19-Welle. Sie sei „nicht mehr aufzuhalten“, erklärte etwa der SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach in der ARD. Das Risiko, sich draußen beim Spaziergang mit dem Coronavirus zu infizieren, ist laut Forschern dennoch überschaubar: Im Freien wirbelt – vereinfacht gesagt – der Wind die Viren davon.

Wie groß ist die Corona-Ansteckungsgefahr beim Spaziergang allein?

„Es gibt Studien, denen zufolge die Ansteckungswahrscheinlichkeit in geschlossenen Räumen neunzehnmal höher sein könnte“, sagt der Chef der Virologie am Max-Pettenkofer-Institut der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität, Oliver Keppler.

Auch Christof Asbach, Präsident der Gesellschaft für Aerosolforschung, äußert gegenüber der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung (HAZ), er halte das Risiko, sich bei einem Spaziergang alleine durch die Mitmenschen mit dem Coronavirus zu infizieren, für „äußerst gering“. Das gelte sogar, wenn jemand auf einem engen Bürgersteig oder in einem vollen Park an einer an Covid-19 erkrankten Person vorbeilaufe.

„Man muss einige Hundert bis einige Tausend Viren einatmen, um sich zu infizieren. Die ausgeatmeten Aerosole verdünnen sich an der frischen Luft aber so schnell, dass der kurze Kontakt im Vorbeilaufen kaum für eine Infektion reicht.“ Zudem steige die ausgeatmete Luft, da sie meist wärmer ist als die Umgebungsluft, relativ schnell hoch. Die Wahrscheinlichkeit, sich anzustecken, sinke.

Corona: Wie sicher sind Spaziergänge mit anderen Menschen?

„Im Freien finden so gut wie keine Infektionen durch Aerosolpartikel statt“, heißt es in einem Positionspapier der Gesellschaft für Aerosolforschung (GAeF) in Köln. Ein mögliches Risiko sieht Keppler aber bei Verabredungen zu Spaziergängen.

„Problematisch ist, wenn sich Familien mit anderen Familien zum Spazierengehen verabreden und einander dabei nahe kommen oder gar in einem Auto fahren“, sagt der Wissenschaftler. „Letzteres ist ein bekanntes Ansteckungsrisiko. Aber solange sich die Menschen an der frischen Luft und in ihrer jeweiligen familiären Blase bewegen, sehe ich da keine Gefahr.“

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Problematisch sei im Zweifelsfall vielmehr der Moment, an dem Spaziergänger stehen bleiben, erklärt Asbach der HAZ. Denn dann sei es möglich, die Aerosolwolke des Gegenüber direkt einzuatmen – und so nach einer gewissen Zeitspanne die kritische Anzahl an Viren zu erreichen. Abhilfe schafften in dieser Situation Abstände und Masken.

Maske tragen im Freien: Wie sinnvoll ist das?

Bisher gelten für das Robert Koch-Institut (RKI) Menschen, die auch im Freien ohne jeglichen Schutz länger als 15 Minuten und mit weniger als 1,5 Meter Abstand mit einem Infizierten zusammenstehen als Kontaktpersonen mit „höherem Infektionsrisiko“.

Zu lange eine Mund-Nasen-Bedeckung zu tragen, kann andererseits durchaus kontraproduktiv sein: Die feuchte Luft beim Ausatmen kann die Wirksamkeit von FFP2-Masken mindern. Die GAeF warnt, mit der Zeit verliere das Material seine elektrische Ladung. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) schreibt: „Eine durchfeuchtete Maske sollte abgenommen und gewechselt werden.“

Nach Angaben des Fraunhofer-Instituts für Techno- und Wirtschaftsmathematik in Kaiserslautern besteht zudem die Gefahr einer sogenannten Infektionsbrücke zwischen Träger und Umgebung: Bei feuchtem Material könnten, etwa durch Husten oder Niesen, Tröpfchen von der Außenfläche der Maske in die Umgebung geschleudert werden.

Wie notwendig ist dann eine Maskenpflicht? Laut Asbach ist die Maßnahme aus rein aerosol-wissenschaftlicher Sicht nicht erforderlich. Trotzdem sei sie für ihn nachvollziehbar: Auch wenn es beim Spaziergang nur selten zu kritischen Situationen komme, steige die Wahrscheinlichkeit für solche Situationen, je mehr Menschen an einem Ort unterwegs seien.

Corona-Ansteckung über Oberflächen: Wie gefährlich ist der Griff zum Ampelknopf?

Oberflächen spielen laut Virologen bei der Übertragung von Covid-19 keine große Rolle. Trotzdem ist eine sogenannte Schmierinfektion nicht unmöglich.

Dass der Ampelknopf zur Gefahr wird, erfordert jedoch das Zusammenkommen mehrerer „unglücklicher Umstände“, erklärt Thomas Schulz, Leiter des Instituts für Virologie an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) der HAZ. Zum einen müsste eine infizierte Person eine relativ hohe Virusmenge dort abgeschmiert haben. Zum anderen müsste die andere Person dieses Virus in Kontakt mit ihren Schleimhäuten bringen, zum Beispiel durch Nasebohren oder Fingerablecken.

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