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Fußball ist in Bochum die wahre Weltsprache

Integration von Flüchtlingen

In der dritten Mannschaft des Fußballclubs DJK Teutonia Ehrenfeld bringen Flüchtlinge aus dem benachbarten Flüchtlingsheim Schwung ins Spiel. Nun hat der Landesverband der Grünen den Verein mit dem „Grünen Marabu“ für die vorbildliche Flüchtlingsarbeit ausgezeichnet.

BOCHUM

01.03.2015
Fußball ist in Bochum die wahre Weltsprache

Die Flüchtlinge trainieren in Ehrenfeld - und gehören da inzwischen fest zum Team.

Immer wieder fielen Spieler aus, waren verletzt oder sind aus Bochum weggezogen. Als die Mannschaft wieder einmal unterbesetzt zum Training auflief, hatte Trainer Gabor Horvath eine Idee: Auf dem Innenhof des Wohnheims, das direkt neben dem Bolzplatz liegt, spielten ein paar junge Männer Fußball. Kurzerhand schickt Horvath einen seiner verbliebenen Spieler rüber – und schon bald hatte sein Team neue Mitglieder.

Zwei Jahre ist es her, dass Spieler Sefa Karakaya den ersten Nachbarn angesprochen hatte. Mittlerweise hat Horvaths Mannschaft 25 feste Spieler, die ihre Wurzeln in 15 Nationen haben. „Am Anfang habe ich etwas gezweifelt, ob die Türken mit den Arabern können“, sagt Horvath.

In zwei Jahren musste der Trainer aber nur einmal bei einem Streit dazwischen gehen, als die Mentalitäten – wie im Fußball nicht unüblich – einmal zu sehr aneinander gerieten. „Meist klatschen sich die Jungs irgendwann ab und alles ist wieder gut.“

Sprachprobleme überwunden

Und auch die anfänglichen Sprachprobleme überwand Horvath mit seinem Team. Er selbst spricht ungarisch, deutsch, französisch und englisch. Seine Spieler helfen ihm aus, wenn er mal nicht weiterkommt. Eyos Muhe aus Eritrea lernt seit einem halben Jahr Deutsch und hat schon viel gelernt. „Aber wenn wir mal nicht weiterkommen, kann ich auch mit Zeichensprache aushelfen“, sagt Muhe. Und Horvath fügt hinzu: „Unsere Sprache ist der Fußball.“

Den grünen Marabu und die 500 Euro Preisgeld erhielt seine Mannschaft von der stellvertretenden Ministerpräsidentin und Bildungsministerin Sylvia Löhrmann, die in ihrer Laudatio das herausragende Engagement der Initiative hervorhob: „Über Integration zu reden ist ein wichtiger Schritt. Der andere wichtige Schritt ist es, Integration praktisch zu gestalten und zu leben.“

In Ehrenfeld wird über Integration nicht nur geredet – sondern auch dafür geschwitzt. Für viele der Flüchtlinge sind die regelmäßigen Trainings die einzigen Termine, die ihrer Woche Struktur geben. Fern von ihrer Heimat bleibt ihnen oft nicht viel außer Fernsehen zu schauen oder mit Bekannten Karten zu spielen.

Flucht über Malta

Dreimal die Woche wird trainiert und jedes Wochenende geht es zu einem Spiel in eine andere Stadt. Muhe sieht das als Chance, um viele Menschen kennenzulernen. Trotz seiner bewegten Geschichte hat er sich seine Fröhlichkeit erhalten: „Hier in Deutschland ist es so friedlich, ich bin richtig gerne hier.“ Seine erste Station nach der Flucht aus Afrika mit dem Boot war Malta: „Da waren die Menschen sehr rassistisch“, sagt Muhe. Auch in Italien sei es nicht viel besser gewesen.

In Bochum fühlt er sich wohl, am liebsten möchte er hier wohnen bleiben und studieren. „Ich will noch so viel lernen“, sagt Muhe. Das Fußballteam ist für ihn ein Anlaufpunkt in seiner neuen Heimat. „Alle sind wirklich sehr nett, ich komme mit allen klar“, sagt Muhe, „wir sind eine große Familie.“

Viele der Flüchtlinge haben außer ihrem Fußballclub keine Angehörigen in Deutschland. Außer ihrem Leben haben sie kaum etwas nach Deutschland retten können. Deshalb sammelte ein Mitspieler Spenden für Sportkleidung und Stollenschuhe für die neuen Kicker.

Verschiedene Herkunft, verschiedene Stile

Muhe und die anderen Spieler aus dem Flüchtlingswohnheim wissen das Engagement des Trainers und der Mitspieler zu schätzen. „Manchmal kommen die Jungs nach dem Training zu mir und bedanken sich“, sagt Horvath, „das freut mich immer sehr.“ Fast genauso sehr freut ihn, dass seine Mannschaft jetzt schon viel besser geworden ist als letztes Jahr.

Besonders interessant findet er an der unterschiedlichen Herkunft seiner Mitspieler, dass sich auch die Stile unterscheiden: „Die Jungs aus Afrika spielen einen schnellen flotten Ball, die arabischen Jungs sind mehr Kämpfer. Der Spaß an der Sache ist, diese verschiedenen Typen zusammen zubringen und eine starke Truppe zu kriegen.“ Und das gelingt Horvath ziemlich gut.

Viele Freundschaften

In seinem Team sind mittlerweile viele Freundschaften entstanden. „Andere Mannschaften ziehen nach einer Niederlage eine „Fresse“ – wir gehen in die Kabine und lachen uns kaputt. Wir sind keine Mannschaft, wir sind ein Team“, sagt Spieler Stanley Schuster. Dass in der Nachbarschaft vor nicht allzu langer Zeit noch Stimmung gegen das Wohnheim der Flüchtlinge gemacht wurde, ärgert die Fußballer.

Niemand verlasse freiwillig sein Land, um wochenlang in überfüllten Booten über das Meer zu dümpeln und alleine in einem fremden Land anzukommen. Die Kicker halten zusammen, während jede drohende Abschiebung eines Mitspielers auch den Erfolg ihrer Mannschaft gefährdet. Der Fußball verbindet sie.

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