Diese Website verwendet Cookies. Cookies gewährleisten den vollen Funktionsumfang unseres Angebots, ermöglichen die Personalisierung von Inhalten und können für die Ausspielung von Werbung oder zu Analysezwecken gesetzt werden. Lesen Sie auch unsere Datenschutz-Erklärung

Fußball-WM: Der Spielverlauf bestimmt den Spülverlauf

Halbzeit-Phänomen

Es ist eine ungeschriebene Regel, die jeder Fußball-Fan kennt: Geht man während des Spiels aufs Klo, fällt ein Tor. Also geht dann kaum einer auf die Toilette, wie ein exklusiver Blick auf unseren Spülverlauf bei dieser WM zeigt.

Dortmund

, 23.06.2018 / Lesedauer: 4 min

Rückblick: Als Mario Götze am 13. Juli 2014 in der 113. Minute die deutsche National-Elf gegen Argentinien mit einem Traumtor zum Weltmeister-Titel schießt, ist auf dem höchsten Punkt der Stadt im Dortmunder Süden ein Tiefpunkt erreicht. Weniger Wasser fließt nach dem Tor zu keinem anderen Zeitpunkt des Tages aus dem Trinkwasser-Hochbehälter der DEW 21 in Dortmund-Höchsten. Der Spielverlauf während einer Fußball-WM hat erheblichen Einfluss auf den Spülverlauf in den Toiletten der Region.


Wenn die deutsche Nationalelf bei der Weltmeisterschaft in Russland in diesen Tagen in die Kabine geht, dann springen hier in Dortmund die Pumpen an – oder Wasser aus Hochbehältern wird ins Netz gespeist. Denn Tausende Menschen gehen in der Halbzeitpause gleichzeitig auf die Toilette. Dann steigt der Wasserverbrauch in allen Städten der Region spürbar an. Das zeigt eine Auswertung von Daten, die uns Wasserversorger auf Anfrage zur Verfügung gestellt haben.

FOTOSTRECKE
Bildergalerie

Wasserverbrauch während des Deutschlandspiels

22.06.2018
/
Auf der Grafik ist eindeutig zu sehen, dass ein internationales Turnier, wie die WM oder die EM, bei der die deutsche Nationalmannschaft eine Rolle spielt, die Wasserverbrauchskurve kurzzeitig ausschlagen lässt. „Klar ist, wenn die Spannung in der Halbzeitpause nachlässt, wird die Gunst der Stunde genutzt, um sich eben wieder frisch zu machen“, sagt Daniela Terbeck von den Stadtwerken Ahaus.© Grafik: Klose / Quelle: Stadtwerke Ahaus
Auch in Castrop-Rauxel erkennt man deutlich die Ausschläge nach oben in der Halbzeitpause und nach Spielende.© Grafik: Klose / Quelle: Gelsenwasser AG
Ein Vergleich des WM-Finales 2014 und des Vorrundenspiels gegen Mexiko bei der WM 2018: Die Wasserverbrauchskurven ähneln sich in Dorsten.© Grafik: Klose / Quelle: RWW
Daten aus dem Hochbehälter in Dortmund-Höchsten: In den Halbzeitpausen steigt der Wasserverbrauch - im WM-Finale 2014 und während des Vorrundenspiels gegen Mexiko 2018. Auffällig: Nach dem entscheidenden 1:0 durch Mario Götze fällt der Wasserverbrauch auf einen Tiefstand.© Grafik: Klose / Quelle: DEW 21
„Wir verzeichnen da deutliche Ausschläge nach oben“, sagt Ralf Wenning von den Stadtwerken Lünen. „In der Halbzeitpause gab es im Spiel gegen Mexiko ein Plus von rund 30 Prozent beim Wasserverbrauch.“© Grafik: Klose / Quelle: Stadtwerke Lünen
„Das ist schon deutlich mehr als bei Bundesliga-Spielen“, sagt Martin Berghoff, Netzmeister bei den Stadtwerken in Schwerte beim Blick auf die Wasserverbrauchskurve während des WM-Spiels gegen Mexiko. „Dann gucken auch die, die nicht Borussen oder Schalker sind.“© Grafik: Klose / Quelle: Stadtwerke Schwerte
„Auch bei einer punktuell sehr hohen Abnahme wie bei einem WM-Spiel mit deutscher Teilnahme bleiben in der Halbzeitpause Wasserdruck und Menge ausreichend“, sagt Gelsenwasser-Sprecherin Heidrun Becker. Das gilt auch für Selm.© Grafik: Klose / Quelle: Gelsenwasser AG
Eine WM-Wasserverbrauchskurve wie aus dem Bilderbuch in Werne. Engpässe sind aber nicht zu befürchten, dafür sorgt ein ausgeklügeltes System aus Pumpen und Hochbehältern im Verteilnetz der Wasserversorger. „Auf der Wasserseite steht also einer Endspielteilnahme nichts im Wege“, sagt Heidrun Becker von der Gelsenwasser AG.© Grafik: Klose / Quelle: Gelsenwasser AG

„In der Tat sind bei den Deutschlandspielen starke Änderungen in der Wasserabnahme zu verzeichnen“, sagt Gelsenwasser-Sprecherin Heidrun Becker. Das Rohrnetz und die Anlagen, wie zum Beispiel Hochbehälter, seien jedoch ohnehin auf starke Schwankungen im Tagesverlauf ausgelegt. Weil der Wasser-Gebrauch in den Morgenstunden besonders hoch, nachts sehr niedrig sei. Vor allem diese Mengenschwankungen können über die Trinkwasserbehälter im Verteilnetz aufgefangen werden, die nachts wieder befüllt werden. „Auch bei einer punktuell sehr hohen Abnahme wie bei einem WM-Spiel mit deutscher Teilnahme bleiben in der Halbzeitpause Wasserdruck und Menge ausreichend“, versichert Becker.

Nicht nur Borussen und Schalker

„Das ist schon deutlich mehr als bei Bundesliga-Spielen“, sagt Martin Berghoff, Netzmeister bei den Stadtwerken in Schwerte. „Dann gucken auch die, die nicht Borussen oder Schalker sind.“ Besondere Vorbereitungen müsse man aber nicht treffen für die Deutschland-Spiele bei Welt- und Europameisterschaften, um die Trinkwasserversorgung zu gewährleisten. „Das läuft alles automatisch ab.“

„Wir verzeichnen da deutliche Ausschläge nach oben“, bestätigt Ralf Wenning von den Stadtwerken Lünen. „In der Halbzeitpause gab es im Spiel gegen Mexiko ein Plus von rund 30 Prozent beim Wasserverbrauch.“ Mechanische Ventile regulieren das Trinkwasser rund um die Uhr. So wird der Wasserdruck in den Leitungen konstant gehalten.

50 Prozent mehr Wasser

„Nach Anpfiff der WM-Spiele von Deutschland sinkt der Wasserverbrauch, um pünktlich zur Halbzeit und zum Abpfiff wieder stark anzusteigen“, erklärt Gabi Dobovisek, Sprecherin bei DEW 21. Die Auslaufmenge aus dem Hochbehälter Höchsten habe sich zur Halbzeit des Finales gegen Argentinien bei der WM 2014 um mehr als 50 Prozent erhöht, nach Ablauf der 90. Minute sei der Anstieg sogar noch auffälliger gewesen. Auch zur Halbzeitpause des Vorrundenspiels gegen Mexiko habe seien rund 50 Prozent mehr Wasser aus dem Behälter geflossen.

Das Unternehmen versorgt rund 600.000 Einwohner in Dortmund, Herdecke und Teilen Holzwickedes mit Trinkwasser. Der Hochbehälter in Höchsten hat ein Fassungsvermögen von 22.500 Kubikmetern und sorgt mit sieben weiteren Hochbehältern im Bereich des Haarstrangs dafür, dass das Trinkwasser zwischengespeichert werden kann, bevor es in die Dortmunder Haushalte fließt. Bei einem großen Fußballturnier wie der WM lässt sich in nahezu allen Städten dieses „Halbzeit-Phänomen“ beobachten.

Fußball-WM: Der Spielverlauf bestimmt den Spülverlauf

Blick ins Innere des Hochbehälters in Dortmund-Höchsten. Mit einem Fassungsvermögen von 22.500 Kubikmetern sorgt dieser mit sieben weiteren Hochbehältern im Bereich des Haarstrangs dafür, dass das Trinkwasser zwischengespeichert werden kann, bevor es in die Dortmunder Haushalte fließt. © DSW21 / Schumann

Das liegt vermutlich nicht zuletzt am Bierkonsum. „Die letzten großen Fußball-Events haben gezeigt, dass während der Turniere mehr Bier getrunken wird als sonst in Sommerwochen üblich“, sagt der Chef des Deutschen Brauerbundes, Holger Eichele auf Anfrage unserer Redaktion. So wurden 2006 vor und während der WM in Deutschland rund fünf Prozent mehr Bier verkauft als im selben Zeitraum des Vorjahres. Bei den Weltmeisterschaften 2010 und 2014 waren es immerhin noch rund vier Prozent. „Je mehr Spiele die deutsche Elf erfolgreich bestreitet, desto höher ist natürlich die Nachfrage“, so Eichele.

Alkoholfreies Bier im Trend

Übrigens auch die nach der alkoholfreien Variante: Der Marktanteil im deutschen Biermarkt liegt schon bei mehr als sechs Prozent. Voraussetzung sei aber, dass das Wetter mitspielt bei Public Viewings, Straßenfesten und Grillpartys zur WM.

Rohrnetz und Anlagen der Wasserversorger sind auf starke Schwankungen im Tagesverlauf ausgelegt. Morgens verbrauchen Menschen mehr Wasser als nachts. Diese Mengenschwankungen können über die Trinkwasserbehälter im Verteilnetz aufgefangen werden, die nachts wieder befüllt werden. Auch bei einer punktuell sehr hohen Abnahme wie bei einem WM-Spiel mit deutscher Teilnahme blieben daher in der Halbzeitpause Wasserdruck und Menge ausreichend, so Dobovisek. Rund 80 Prozent des Dortmunder Stadtgebiets werden über insgesamt acht Hochbehälter versorgt.

Fußball-WM: Der Spielverlauf bestimmt den Spülverlauf

Mario Götze schießt im Finale der Fußball-Weltmeiterschaft das entscheidende Tor gegen den Torhüter von Argentinen, Sergio Romero: Der Wasserverbrauch sank danach in NRW auf den Tiefstand des Tages. © picture alliance/dpa

Den geringsten Verbrauch verzeichnete der Wasserversorger damals unmittelbar nach dem entscheidenden Tor durch Mario Götze. Vermutlich wollte wegen der Spannung vor dem Abpfiff keiner mehr zur Toilette.

Es gibt auch Gebiete, die mithilfe von Pumpen versorgt werden. Bei größerer Nachfrage kommt hier das Wasser mit geringerem Druck aus der Leitung. „Wenn eine solche Schwankung im Verbrauch abzusehen ist – wie bei den WM-Spielen – dann werden im Vorfeld Pumpen zugeschaltet, damit das Wasser bei den Kunden mit dem gleichen Druck ankommt“, sagt Gabi Dobovisek von DEW21.

Kein Problem für Kläranlagen

Die in der Folge des kollektiven Toilettengangs anfallenden Abwassermengen machen den Kläranlagen keine Schwierigkeiten. „Sicherlich wird auch die Schmutzwassermenge infolge des erhöhten Wasserverbrauchs ansteigen“, sagt Markus Rüdel, Sprecher des Ruhrverbandes. Das Abwasser wird aber bei Bedarf in großen Behältern zwischengelagert, sodass immer die gleiche Menge an Abwasser zum Klärwerk fließt. „Das ist ein Teil des üblichen Hochwasser-Managements“, sagt etwa Ilias Abawi, Sprecher der Emschergenossenschaft. „Sonst würden ja bei heftigen Regengüssen jedes Mal die Kläranlagen überlaufen.“

Die Wasserversorger kommen also auch mit einer Fußball-Weltmeisterschaft und dem Halbzeit-Phänomen bestens klar. „Auf der Wasserseite steht also einer Endspielteilnahme nichts im Wege“, sagt Gelsenwasser-Sprecherin Heidrun Becker. Entscheidend ist nun aufm Platz.

26 Millionen sahen Weltmeisterschafts-Auftakt gegen Mexiko Knapp 26 Millionen Zuschauer sahen die Auftakt-Niederlage der deutschen Nationalmannschaft gegen Mexiko am vergangenen Samstag. Das entspreche einem Marktanteil von 81,6 Prozent, teilte das ZDF mit. Zum Vergleich: Beim ersten Vorrundenspiel der vergangenen WM in Brasilien am 16. Juni 2014 – einem Montagabend um 18 Uhr – wurden beim 4:0 über Portugal 26,36 Millionen Zuschauer (81,8 Prozent) vor den Fernsehgeräten registriert – also sogar noch etwas mehr. Das WM-Finale gegen Argentinien verfolgten 34,65 Millionen Menschen. Das war ein neuer deutscher TV-Rekord.